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Geht Das Geld Dir Aus…

syg.ma team

„Geht das Geld dir aus…“ ist essayistische Kurzgeschichte, in der ich der Frage nachgehe, was tatsächlich geschieht, wenn einem das Geld ausgeht. Anhand von persönlichen Erfahrungen, folge ich möglichen Stationen eines gesellschaftlichen Abstiegs mit allen denkbaren Folgen, bis hin zum Verlust von Freundschaften und der Erfahrung, aus der eigenen Wohnung gedrängt zu werden.

“Running out of money…” is an essayistic short story in which I explore the question of what actually happens when you run out of money. Based on personal experiences, I follow possible stages of a social decline with all conceivable consequences, up unto the loss of friendships and the experience of being forced out of one’s own flat.

photo by Leon Ospald

photo by Leon Ospald

Echte Armut habe ich nie erlebt. Wobei die Unterscheidung zwischen echt und falsch oder echt und unecht für mich keinen Sinn ergibt. Die Frage ist nur, wie nah man dem Auge des Strudels kommt. Schon im Sog hin zum Nullpunkt, zum absoluten Horrorszenario, Wohnungsverlust und Hunger, frisst und arbeitet die Armut mit ihren Begleitern Stress und Einsamkeit an allem, was als gesundes oder zufriedenstellendes Leben zu bezeichnen wäre. Dabei scheint es keine Rolle zu spielen wie groß der Abstand zum Auge tatsächlich ist. Allein die Vorstellung von dem, was einen erwarten könnte, wenn man den Job verliert oder eine Krankheit die normale Absicherung, das monatliche Gehalt, bedroht, lässt das Bild des Strudels zu einer ungeheuren Größe anwachsen, der selbst in ruhigen, gut situierten Fahrwassern noch spürbar ist. Armut ist eine Bedrohung für jeden Lebensbereich. Es ist eine gern erzählte Fabel, dass dieser Zustand ausschließlich selbstverschuldet wäre. Faulheit, unzureichende Strukturierung oder psychische Labilität führen nicht zwangsläufig in die Armut. Mehr als eine tragende Säule muss wegbrechen, damit ein Leben ins Kippen kommt und dabei bedingt ein Kippmoment oft den nächsten. Wer einmal in Armut gelebt hat, oder immer noch in Armut lebt, weiß, wieviel Geschick, Organisationstalent und Konzentration das bloße Überleben mit wenig Geld erfordert. Wer wenig hat, lernt haushalten und den Umgang mit Geld, nicht umgekehrt.

Ich bin mit wenig aufgewachsen — aber nie mit dem Gefühl eines Mangels. Es hat mir in meiner Kindheit nie an etwas gefehlt. Das Gefühl weniger zu haben, kam erst durch den Vergleich mit anderen auf und mit dieser Beobachtung und Feststellung dann schnell auch die Erfahrung, dass dieses materielle Weniger viel weitreichendere Konsequenzen hatte, als nur die, dass die soziale Stellung auf dem Pausenhof auch durch Markenkleidung bestimmt wird. Ich hatte als Grundschüler eine Trennlinie entdeckt und konnte dieser von der Schule aus, bis in meine Nachbarschaft, in den Sportverein und in meinen Familienkreis hinein folgen. Ich wurde zum Detektiv und folgte der Linie mit jedem Indiz, das ich finden konnte. Plötzlich entdeckte ich, dass einige meiner Schulfreunde in Häusern außerhalb der Stadt lebten, während die Freunde aus meinem Viertel und dem Sportverein, wie ich in kleinen Wohnungen wohnten. In der Schule ging es um Urlaub in der Karibik oder um Skiferien in den Alpen — in meinem Viertel fuhren die Familien auf Campingplätze in Italien oder an der Ostsee. Ein Viertel mit normalen Leuten in normalen Jobs: Pfleger*innen, Kassierer*innen, Lehrer*innen, Busfahrer*innen, Kindergärtner*innen, Studenten*innen, Musiker*innen,… ein Durchschnittsviertel, abgetrennt vom Rest der Stadt durch die große Bundesstraße, den Fluss und den Stadtring. Alles Grenzen zwischen meinem Viertel und den dahinter beginnenden Räumen der unbezahlbaren Grundstück — und Quadratmeterpreise.

Ich beobachtete, welche Umstände die unterschiedlichen Lebensräume boten: auf der einen Seite war viel Platz, Selbstbestimmung und Engagement im eigenen Haus und Garten. Bei uns war weniger Platz. Und es war laut: neben unserem Mietshaus war eine Waschstraße in der fluchende und brüllende Unterfranken arbeiteten und dahinter kamen die Schienen und die Fern — und Güterzüge. Es war so laut, dass mein Vater nur schlecht arbeiten konnte. Er ist Komponist und arbeitet von zu Hause. Und meine Mutter, sie ist Kindergärtnerin, hatte in dem Lärm Schwierigkeiten, sich von den fünfundzwanzig lärmenden Kindern in ihrer Gruppe zu erholen. Nachts zogen dann die Student*innen los und kamen gern auf dem Heimweg um fünf Uhr morgens durch unserer Straße. Natürlich ratzevoll, streitend, kotzend, pissend, fickend oder singend.

Ich war das alles gewohnt, aber meine Freunde oder Freunde meiner Eltern haben sich oft beschwert, dass sie nicht gut hätten schlafen können, wenn sie zu Besuch waren. Tatsächlich war ich so an diese Unruhe gewöhnt, dass ich nie Schlafprobleme hatte. Damals war ich allerdings noch ein Kind und schlief wie im Koma. Als Erwachsener habe ich dann gelernt und verstanden, welche Bedeutung Schlaf für ein normales und gesundes Leben haben kann.

Statt eines ausschließlich privaten Raumes hatten wir Nachbarn, mit denen wir teilten. Zum Teil laute Nachbarn. Die durch dünne Wände auch mitzuerleben waren. Aber eben auch so etwas wie Gemeinschaft: einen geteilten Gartenstreifen beispielsweise. Aus einer schmalen Rasenfläche, die einmal ums Haus lief und die den Abklatsch eines echten Gartens darstellte, haben wir ein Gemüsebeet gemacht. Gesunde Ernährung ist nicht billig und das Salatbeet, eigene Kürbisse, Tomaten, Gurken und Kräuter daher kein Zeitvertreib oder eine Beschäftigung um die Seele ins Gleichgewicht zu bringen, sondern fast notwenige Investition für einen Haushalt mit geringen finanziellen Mitteln.

Mit dem Mietverhältnis gewinnt man immer auch einen Vermieter dazu. Und der ist mal ein Segen, mal eine Ausgeburt der Hölle. Nach dem Tod unserer Vermieterin habe ich den Unterschied begriffen, den es bedeuten kann, über das eigene Zuhause bestimmen zu können, oder von der Gunst eines anderen abhängig zu sein.

Zusätzlich zu der Herausforderung und dem Stress, mit wenig Einkommen eine Familie durchzubringen, habe ich an meinen Eltern beobachten können, dass der Lärm und der Vergleich mit anderen Jungfamilien ihnen zusetzten. Immer war irgendetwas: mal war die Waschmaschine ihren lang erwarteten und qualvollen Tod gestorben und eine Nachfolgerin erst in ein paar Monaten finanzierbar, mal fiel die Heizung im Winter aus und meine Mutter nähte fieberhaft Stoffrollen, um sie vor die zugigen Fensterrahmen zu stopfen, oder meine Eltern gerieten in Streit, weil ich für eine Klassenfahrt Wanderschuhe brauchte und sie mich nicht in meinen alten Tretern in die Berge lassen wollten.

Erst durch die Kommentare Anderer über meine Kleidung, oder durch die Scham meiner Eltern, wenn sie mir eine Jeans oder einen Ledergürtel nicht kaufen konnten, oder durch die Abenteuer, die meine Klassenkameraden nach den Ferien erzählten (während ich sagen konnte, ich hätte am Strand gesessen und acht Bücher gelesen), verstand ich, dass es etwas gab, was uns fehlte und wofür man sich schämen musste. Für etwas, das man nicht hatte, sollte man sich schämen.

Warum haben wir uns ihm nicht entgegengestellt? Weil wir gelernt hatten, chancenlos zu sein

Wir waren und sind immer noch soziale Zwitter. Das Einkommen und das reale Vermögen haben uns in die Nähe der billigen Mietshäuser, der klassischen Durchgangsviertel und der sogenannten Problemviertel gedrängt. Der Bildungsstand, die Herkunft meiner Eltern und das Bedürfnis nach Kultur, Literatur und Musik haben uns wiederum in die Nähe des Bürgertums gerückt. Auch die Freunde meiner Familie stammen zum größten Teil aus einer bildungsbürgerlichen Schicht — wenn nicht Oberschicht. Mein Vater war und ist als Künstler natürlich ein immer gern gesehener Gast in Ärzte — und Professorenhaushalten. Das Bürgertum schmückt sich eben gerne. Und wer ist ein besserer Schmuck als ein Komponist, der lebt wie ein Bohemien? Dabei hat kaum jemand verstanden, dass zum Bohemien die Möglichkeit gehört wieder als Bourgeois zu leben, so er das denn will. Den Zwang der Armut versteht nur, wer selbst nichts hat. Erst wenn die ständige Anwesenheit der Armut zur Normalität geworden, die finanzielle Anspannung ein ständiger Begleiter ist, verliert das Künstlertum seine verspielte Harmlosigkeit. Der Bohemien muss sich positionieren und anerkennen, dass er immer um die Geldtöpfe streifen wird, in der Hoffnung, aus einer spendablen Hand wieder etwas Zeit finanziert zu bekommen. Einen Zugang zu den Kreisen der finanziellen Sorglosigkeit kann nur eine Jury, ein Gönner, ein plötzlicher Erfolg beschaffen.

Bis zum Tod der Vermieterin haben wir mit viel Improvisationstalent, Anpassungsfähigkeit und dem Vorteil, nicht viel zur alltäglichen Zufriedenheit zu brauchen, ganz gut gelebt. Dann erbte der Enkel der Vermieterin das Mietshaus. Was dann geschah, konnte nur von einem Menschen ausgehen, der bis zu dem Zeitpunkt da er Besitzer wurde und daher ganz offiziell über die Leben anderer Menschen verfügen konnte, immer nur in mittelbarer Nähe zu Macht und zum Wohlstand gelebt hatte. Dieser neue Vermieter war ein Mensch, der es nicht ertragen konnte, aus höheren Kreisen ausgeschlossen zu sein. Er schämte sich, wie ich mich für die fehlenden Urlaubsabenteuer schämte oder für die löchrigen Schuhe, aber in einer anderen Dimension, denn er fuhr bereits einen Mercedes bevor er Hausbesitzer wurde. Dieser Mercedes war aber eben keine Luxus — Ausführung. Es war das Auto der mittleren Gehaltsklassen. Vielleicht dichte ich ihm auch eine emotionale Tiefe an, die er nie besessen hat. Vielleicht konnte er den Garten mit dem wilden Flieder, dem rostigen Zaun, die anarchisch geteilten Besitztümer und Räumlichkeiten, das Künstlertum, all das einfach nicht leiden. Vielleicht fühlte er sich berufen, dieses wilde verfallende, Mietshaus ins Glied der graden Hecken und der sauberen Einteilungen von mein — und — dein zurückzuführen. Vielleicht wollte er sich an seiner Großmutter rächen, vielleicht hatte die alte Frau ihn als Kind geschlagen, oder seinen Geburtstag Jahr für Jahr missachtet — oder er war bloß ein Arschloch, das sich an seiner Macht berauschte. Jedenfalls ekelte er uns und alle anderen Mieter nach allen Regeln der Kunst hinaus. Ich glaube, dass tatsächlich keine Kündigung von Seiten des Vermieters ausgesprochen worden ist. Wir sind alle gedrängt worden freiwillig zu gehen.

Alles fing damit an, dass dieser Mensch an einem Sonntagvormittag in unserem Flur stand. Im Wohnungsflur. Er hatte sich nicht angekündigt, er hatte nicht geklingelt oder geklopft, er hatte die Wohnungstür einfach aufgeschlossen. An diesem Sonntagvormittag wird meine Mutter wohl mit einer Tasse Tee und einem Buch im Bett gelegen haben. Mein Vater wird an seinem Schreibtisch oder am Klavier gesessen haben und ich habe vermutlich gelesen oder geschlafen oder ferngesehen.

Ich erinnere mich an einen großen Mann mit dickem Kopf. Ich weiß noch, dass ich fasziniert war von den fleischigen Hautfalten, die überall an ihm runterzuhängen schienen. Er kam in unsere Wohnung und scherte sich nicht darum, ob er uns störte. Er besah sich die Zimmer, maß sie und verglich die Ergebnisse mit Zahlen auf einem Plan. Meine Eltern fragten natürlich, was das solle. Er beschwichtigte sie mit dem Hinweis auf Instandsetzungen einiger Mängel an Heizung und Fenstern und verhielt sich ansonsten ganz so, als ob wir nicht da wären oder schon nicht mehr da. Er interessierte sich für die Wohnung, nicht für uns.

Eine Woche später ging es los. An einem Samstag flogen alle Mieter um Punkt sieben Uhr aus ihren Betten, weil im Dachgeschoss der Schlagbohrer angesetzt wurde. Es hörte sich an, als ob eine Wand herausgerissen werden würde — und so war es auch, wie wir später erfuhren. In der Dachwohnung hatte die alte Vermieterin Frau Beck gewohnt und ihre leere Wohnung nutzte ihr Enkel als Angriffspunkt auf unser Haus. Nach dieser ersten Attacke ging es Schlag auf Schlag. Unterm Dach wurde durchgängig gearbeitet. Das Treppenhaus war Abstellplatz für Werkzeuge, Baumaterialien und Schutt. Den Dreck trug man sich in die Wohnung, der Lärm war unerträglich. Parallel zur Dachwohnung wurde draußen gearbeitet. Noch bevor wir reagieren konnten, wurden die alten Fliederbäume gefällt. Innerhalb einer Stunde waren sie mitsamt ihrer Wurzeln ausgerissen und in kleine Holzklötze zersägt. Das Gemüsebeet war an einem Morgen einfach weg. Wo vorher Tomaten wuchsen, lagerten Dämmstoffe, Holzbalken und Dachziegel auf Paletten. Zwischen dem Besuch in unserer Wohnung und der Zerstörung von Allem für uns Lebenswerten, lagen keine zwei Wochen. Ich glaube, die Geschwindigkeit und die Radikalität mit der der neue Vermieter umgestaltete, hatte alle Parteien schockiert. Wir waren handlungsunfähig, paralysiert im Angesicht eines Mannes, der tat, wonach ihm der Sinn stand. Er wollte das anarchische Miteinander zerstören und durch eine klinische Wohnbaracke, durch einen Sarg mit Fenstern ersetzen.

Seine Arbeiter kamen aus Osteuropa. Und für den ersten Teil des Plans, für den Abriss, arbeiteten sie wohl ohne Vertrag: sie arbeiteten am Wochenende, an Feiertagen, von sieben bis sieben. Aber niemand kam auf die Idee, das überprüfen zu lassen. Meine Eltern stellten bloß fest: „Wir müssen hier weg!“

Unser fragiles Lebenskonstrukt drohte einzubrechen. Die Belastung durch den Lärm und vor allem die Verletzung, derart ignorant und verachtend behandelt zu werden, traf alle gleichermaßen.

photo by Leon Ospald

photo by Leon Ospald

Ich beobachtete den Vermieter. Aus meinem Fenster sah ich, wie er in einem fleckenlosen Blaumann auf einem Erdhaufen stand und Befehle erteilte. Wirklich, er befahl, was zu tun war: mit den Händen eines Metzgers fuchtelte er herum und bellte. Vor allem wollte er, dass seine Arbeiter schneller machten. Schneller, damit wir keine Zeit zum Atmen oder Nachdenken bekämen. Schneller, damit keine Zeit blieb, uns gegen ihn zusammenzuschließen. Schneller, damit wir keine Fragen stellen oder überprüfen konnten, ob dieser Mann überhaupt durfte, was er tat.

Eine andere Szene zeigte mir noch krasser die Widerwärtigkeit dieses Menschen: nach Feierabend dirigierte er drei Arbeiter zu seinem Mercedes. Aus dem Kofferraum hatte er eine durchsichtige Plastikplane geholt und breitete sie über die Rückbank. Dann drehte er sich zu den Arbeitern um und gab ihnen neue Befehle. Sie weigerten sich zunächst. Ein Streit entbrannte. Durch das Fenster konnte ich nicht hören, was gesagt wurde, aber ich sah, dass die Gesten heftiger wurden. Der Vermieter setzte sich letzten Endes durch. Was dann geschah, werde ich nie vergessen: die drei Männer öffneten die Gürtel ihrer Arbeitshosen und zogen die Hosen bis zu den Schuhen herunter. Dann kletterten sie auf die Rückbank und setzten sich, um nichts zu verschmutzen, in Unterhosen auf die Plane. Wir zogen kurz darauf um. Wie meine Eltern in derart kurzer Zeit eine neue Wohnung gefunden hatten, ist mir schleierhaft.

Ich würde den Vermieter jetzt gerne noch aus einer anderen Perspektive zeigen. Dem Bösewicht eine neue Facette beimischen. Aber die Wahrheit meiner Erzählung wäre damit zerstört. Ob er ein toller Familienvater, ein leidenschaftlicher Koch und Gastgeber war, oder ob er ehrenamtlich im Altersheim gearbeitet hat, weiß ich nicht. Für mich ist er ausschließlich ein Typus, der in den Graubereichen der Armut immer wieder aufkreuzt. Dort, wo etwas zu gewinnen ist. An Orten, die nicht bereits strukturiert und in eine Norm eingegliedert sind. Wir haben für 600,- DM gewohnt, der Vermieterin im Keller Briketts zerkleinert und draußen gemeinsam unser Essen angebaut. Ich glaube nicht, dass jemand aus der Nachbarschaft dem verfallenden Haus nachgeweint hat. Im Gegenteil: endlich waren wir weg und alles wurde klein, prüde, billig und normal.

Dieser Typus, als den ich den Vermieter sehen möchte, taucht dort auf, wo etwas zerstört werden darf. Weil es zu alt ist, weil die Lebensweise eine andere ist, weil es offensichtlich etwas zu verbessern gibt. Dieser Typus ist eine Abrissbirne. Hinter ihm steht das Interesse alles gleich gerade, gleich sauber, gleich normal und vor allem: gleich gewinnbringend zu gestalten. Wer sich diese Gleichheit nicht leisten kann, muss gehen. Wir sind gegangen. Wir haben wieder eine Wohnung gefunden, aber: die nächste Abrissbirne kommt bestimmt.

Jetzt kannst Du sagen: Seid ihr blöd? Wieso habt ihr euch nicht gewehrt? Und wir könnten antworten: Stimmt! Das hätten wir tun können. Aber genau in dem Moment der feindlichen Übernahme des Enkels und Ekels, greifen die Mechanismen der Armut. Eine Familie, die ihr Zusammenleben und Überleben im Bereich des Prekären organisieren muss, gleicht einem kleinen Unternehmen, das Aufträge ausführt, für die es eigentlich nicht ausgelegt ist. Alle Bereiche fahren auf Hochtouren und eine Panne, ein Engpass, kann zu einer Katastrophe werden, die das gesamte Unternehmen in den Ruin kippen lässt. Wir haben damals gespürt, wie schnell wir aus bereits recht unruhigen Stromschnellen stärker in den Sog eines Strudels geraten sind, in dessen Mitte die Armut auf uns wartete. Wir hatten nicht den Spielraum uns zu wehren. Geschweige denn, die Rücklagen vor Gericht gegen einen ungleich mächtigeren und besser aufgestellten Gegner bestehen zu können. Dazu kommt noch ein Umstand, der sich nur schwer rational erklären lässt. Ein Mensch, der in einem Mercedes vorgefahren kommt und ohne Skrupel in fremde Wohnungen eindringt, einfach nur, weil er diese neuerdings besitzt, stellt etwas dar: er ist zweifelsfrei jemand, der darf, was er tut. Es entstehen keine Fragen an der Richtigkeit seines Tuns. Er überschreitet dabei eine Grenze. Dafür hätte man ihn belangen können. Haben wir aber nicht. Warum? Warum haben wir uns ihm nicht entgegengestellt? Weil wir gelernt hatten, chancenlos zu sein. Aus tausend Geschichten, Berichten und Erfahrungen hat sich die DNA der Prekären, der Armen, der Anpassungs — und Überlebenskünstler gebildet. Sie sagt: gegen die Kombination aus Geld und Macht hast du keine Chance. Hau ab, bevor es noch schlimmer wird. Wären wir mehr als vier Mietparteien in dem Haus gewesen, also eine wehrhafte Masse, hätten wir uns vielleicht nicht so überrumpeln lassen.

Vielleicht hat der Vermieter alles bloß inszeniert: das Auto war geliehen und der Einbruch an einem Sonntag war ein von langer Hand geplanter und geprobter Auftritt. Ich traue diesem Opportunisten und Aufsteiger dieses Maß an Gerissenheit und Machtbewusstsein zu. Es hat gewirkt. Seien es echtes Geld und echte Macht gewesen oder nur eine Illusion davon.

Ich schreibe das auf, weil mir diese Form der Wehrlosigkeit immer wieder begegnet ist. Es sind immer gleiche Voraussetzungen: Menschen, die ohnehin von Nichts ihr Leben bestreiten, werden in einen Konflikt gezogen, in dem die notwendigen Säulen ihrer Existenz angegriffen werden. Selten ist der Aggressor dabei so krass als Einzelperson identifizierbar, wie in der Geschichte mit dem Vermieter. Aber die Frage, mit der sich die Angegriffenen konfrontiert sehen, bleibt unverändert: lohnt sich ein Kampf oder stehe ich hinterher noch schlechter da? Das Wenige, das ich habe retten und ausweichen oder das Risiko eingehen, alles zu verlieren?

Bevor Du jetzt urteilst und sagst, dass das Ausweichen doch zu einem Prinzip wird und die nächste Niederlage ganz gewiss kommt, die Gegenwehr also die einzige Reaktion sein kann, wenn das eigene Zuhause bedroht wird, musst Du bedenken, dass in so einem Kampf vor allem die Gesundheit geopfert wird. Die Sorge um den Ausgang eines Prozesses, das Risiko, die Kosten tragen zu müssen, und vor allem die Zeitspanne, die der juristische Weg in Anspruch nimmt, zehren an dem, der tatsächlich etwas zu verlieren hat.

Einer anderen Art von Vermieter bin ich später in Hamburg begegnet. In diesem Fall ist es schwieriger, eine Schuldzuweisung auszusprechen. Bei dem Vermieter handelte es sich um die Sozialbaugesellschaft Saga GWG, die in Hamburg die größte Vermietergesellschaft sozialer Wohnfläche ist.

Ich habe damals in einer WG in einem völlig absurden Stadtviertel gewohnt: auf der Veddel. In keiner anderen Stadt ist mir die Trennlinie zwischen Arm und Reich so krass und so sichtbar begegnet, wie in Hamburg. Die Elbe stellt die Grenze dar. Eben der Fluss, auf dem Deutschland seinen Reibach mit Exporten macht. Südlich der Elbe, in Harburg, haben früher Bootsschiffer, Flösser, Hafenarbeiter, Tagelöhner, Knechte und Fischer gelebt. Heute ist der Stadtteil fast so groß wie alle Stadtteile im reichen Norden, im Hamburg der Elbphillharmonie, des Michels, der Reeperbahn und der Sternschanze zusammengenommen. In ihm leben überdurchschnittlich viele Sozialhilfeempfänger*innen, Migranten*innen, alte Menschen — und Habenichtse wie ich. Wir im Süden der reichen Hafenstadt haben Jobs, die den Laden am Laufen halten: Kassierer, Pfleger, Fahrer, Putzlappen, Hafenarbeiter, Fernfahrer, Türsteher, Prostituierte, Drogenkuriere, Polizisten… ohne diese Berufsgruppen würden der Reeperbahn die Lichter ausgehen.

Als ich in Hamburg ankam, trieben mich die günstigen Mieten ganz automatisch nach Harburg. Ich suchte eine Weile nach einem Zimmer, geriet dabei in absurde Wohnkonstellationen und noch absurdere Mietverhältnisse und landete schließlich auf der Veddel. Jede Stadt hat ihre Viertel, von denen man sich sagt: „da is es nich so schön,“ , oder auch „bisschen assi is es da schon.“ Die Veddel ist für manche so ein Schmuddelviertel. Ich habe vier Jahre dort gelebt und das Dreckstück ins Herz geschlossen. Ich möchte diese Perle der Assi — Viertel gerne vorstellen, nur für den Fall, dass jemand nach meinem Bericht seine Wohnung in Eimsbüttel oder Eppendorf gegen eine Wohnung, in einem der Kästen aus rotem Klinkerstein eintauschen möchte.

Die Veddel umfasst die Fläche der beiden Elbinseln Peute und Veddel und einen Streifen Willhelmsburg. Etwa fünftausend Menschen aus fünfundvierzig Nationen leben dort. Auf der einen Seite schneidet die Autobahn das Viertel und führt über die Elbbrücken ins echte Hamburg. Auf der anderen Seite führt die einzige S-Bahn Verbindung aus Harburg über den Hauptbahnhof bis nach Altona, ebenfalls über die Elbe und an meiner Veddel vorbei — sie hält dort sogar. Jeden Tag kämpfen sich morgens tausende Arbeitnehmer*innen in einer von zwei S-Bahn Linien über die Elbe und abends geht es auf dem gleichen Weg wieder zurück. Es steigt nur aus, wer auf der kleinen Insel wohnt. Das große Kupferwerk, die Hafenanlagen, die Schokoladenfabrik erreichen die Mitarbeiter*innen meist per Shuttle. Tagelöhner kommen regelmäßig. Sie stehen an der S- Bahnhaltestelle und warten in Gruppen darauf, in einen Van oder Pick — Up steigen zu können. Auf der Veddel wurden mal weibliche KZ-Häftlinge „zwischengelagert“, auf der Wilhelmsburger Seite gab es einen Auswandererhafen für alle, die im 19. Jhd. nach Amerika auswandern wollten und davor war das Gebiet Weide und Acker. Gearbeitet wurde dort schon immer. Im Arbeitslager oder im Hafen. Als ich auf der Veddel wohnte, lebten dort viele Menschen, die in den für Hamburg wichtigen und bereits aufgezählten Allerweltsjobs arbeiteten — und viele Arbeitslose, Arbeitsunfähige, oder Ausländer, die nicht auf den Arbeitsmarkt durften und rumhingen; zwischen Hamburg und Harburg, zwischen Autobahn und S-Bahn, am Tropf der Wohlfahrt. Es gab eine Apotheke, einen Penny, zwei Italiener und ein paar Kneipen. Das war die Infrastruktur. Die Kirche musste dichtmachen, weil ihr die Christen ausgingen. In einem Wohnhaus nebenan, drängten sich Muslime zum Gebet. In die leerstehende Kirche durften sie nicht und es wurde wohl nie erwogen, sie in eine Moschee umzuwandeln. Wenn sowas überhaupt geht und nicht mit Fegefeuer bestraft wird.

Mit dem Mietverhältnis gewinnt man immer auch einen Vermieter dazu. Und der ist mal ein Segen, mal eine Ausgeburt der Hölle

Zu der Zeit hatte ich keinen Job. Ich studierte. Mehr oder weniger. Für mich ging viel Zeit dabei verloren, meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Dabei hatte ich mein Studium gut gewählt: ich studierte Politikwissenschaften. Mein Ziel war es, als Journalist zu arbeiten. Ich schrieb bereits immer mal wieder. Kleinere Reportagen oder Berichte. Hauptsächlich über Themen aus Hamburg selbst. Zuletzt hatte ich ein Praktikum bei der „Zeit“ absolviert und in diesen drei Monaten, hatte ich mehrere Personen der Veddel in kurzen Texten porträtiert: Die Angestellten der Apotheke und die Besitzer der Pizzeria oder auch den Imam der muslimischen Gemeinde. Seitdem wurde ich auf der Straße gegrüßt und fühlte mich umso stärker als Teil des Viertels. Das Honorar reichte aber nicht, um auch nur ansatzweise meinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Also musste ich andere Jobs annehmen: ich fuhr Werbung aus, baute bei Veranstaltungen Bühnen auf, schleppte Stühle, sammelte in Bars bis früh morgens leere Gläser und Flaschen ein und verpulverte so jede Menge Energie, die ich dann nicht mehr in mein Studium oder in journalistische Arbeiten stecken konnte.

Ich wohnte in einem Backsteinhaus am Kanal. In dem einzigen mit Giebeldach. Irgendwer hatte erzählt, dass früher die Polizei der Nazis dort untergebracht gewesen wäre. Wir hatten Schimmel in der Wohnung. Anfangs nicht viel, aber jeden Herbst breiteten sich um die Fenster herum schwarze Flecken aus. Mit jedem Jahr wurden die Flecken größer und blieben länger. Wir sprühten alle möglichen Mittel auf die Wände und versuchten so, der Ausbreitung der Sporen entgegenzuwirken. Von der Hausverwaltung kam keine wirkliche Antwort auf unsere Briefe und Anrufe, sondern immer nur der Verweis, dass man um das Problem wisse und bald Maßnahmen dagegen einleiten würde. Als an einem Morgen im November die gesamte Badezimmerwand mit schwarzen Rosen bedeckt war, beschlossen wir zu einer Versammlung der Mieter*innen zu gehen. Fast alle Mietwohnungen auf der Veddel gehörten einer Unternehmensgruppe: der Gruppe, bei der wir auch mieteten und die sich den Erhalt sozialer Wohnfläche groß auf die Fahnen geschrieben hatte. Wir erfuhren auf der Versammlung, dass Schimmel ein weit verbreitetes, aber nicht das dringlichste Thema der Veddeler Mieter*innen war. Es standen Umbaumaßnahmen an. Für die gesamte Insel und die waren zweifelsohne notwendig: die Mängel reichten von Schimmel, über verstopfte Abwasserrohre, bis zu Ungezieferbefall. Wenn man die Mieter*innen auf der Versammlung, die im Gemeindehaus unter Leuchtstoffröhren bei Kaffee in Plastikbechern abgehalten wurde, auf die Probleme mit der SAGA GWG ansprach, bekam man ansatzlos das aufgestaute Leid der Sozialhilfeempfänger*innen, Rentner*innen und Migranten*innen zu hören, die bei der SAGA zur Miete wohnten. Was sie jetzt zusammenführte war die Angst, ihre kalten, löchrigen, nassen Wohnungen aufgrund von Umbaumaßnahmen zu verlieren. Alle im Raum hatte auf ihre Nachfragen und Bitten hinsichtlich der Mängel ihrer Wohnungen, den gleichen Brief wie wir bekommen: bald wird etwas passieren! Und das war im Viertel auch so zu beobachten. Im Hafenbecken lag quasi über Nacht ein Museum der Internationalen Bau Ausstellung (IBA). Auf Pelotons schwamm dort ein Ort, an dem Bauprojekte, Ideen zum Klimaschutz und zur Umgestaltung präsentiert wurden. Plötzlich liefen Menschengruppen in Anzügen mit Mappen unterm Arm durch das Viertel und zeigten in alle möglichen Richtungen. Wir wussten: jetzt ist die Veddel dran. Jetzt kommen Veränderungen — irgendwann. Und als Mieter*innen der SAGA wussten wir, dass das „sozial“ bei einer Aktiengesellschaft, nicht vorrangig dem Wohl der Mieter*innen gilt. Welche Maßnahmen stattfinden würden, in welchem Zeitraum, welche Kosten damit auf uns Mieter*innen zukommen würden, blieb völlig unklar. Und diese Ungewissheit verursachte eine diffuse Angst. Der IBA Dock wurde mit Farbbeuteln und Flaschen beworfen, Graffiti tauchten mit deutlichen Signalen auf: „SAGA fuck off!“

photo by Leon Ospald

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Mir war klar: die Abrissbirnen sind wieder da. Nur diesmal waren sie smart, eloquent und kamen mit Umhängetaschen prall voll mit Ideen, die moralisch so unantastbar und einwandfrei waren, dass man nur als unbelehrbarer renitenter Pleb dastehen konnte, der partout sein Elend nicht verlassen wollte, wenn man sich gegen diese tollen Ideen zum Klimaschutz und zu Radwegen stellte. Der entscheidende Punkt war aber: wir wussten, dass wir kein Teil dieser Vision waren. Sozialhilfe reicht nicht für emissionsarme Häuser, Dachgärten und Photovoltaik. Diese Rechnung ist so simpel wie ernüchternd.

Jetzt könntest Du einwenden, dass sich das doch ändern ließe. Eben — ließe — Konjunktiv. Die zweite Erkenntnis war, dass niemand wollte, dass die Bewohner der Veddel im Upgrade ihres Viertels noch wohnen sollten. Mit alten Mauern, Dachbalken und Dämmstoffen müssen auch die Menschen ausgetauscht werden. Wer wirklich für die Bewohner*innen eines abgerockten Viertels etwas tun möchte, sollte vor allem offen sagen, was geplant ist und welche Konsequenzen und Veränderungen zu erwarten sind. Zu der Ungewissheit kamen noch seltsame Gerüchte, die teilweise von den Hausmeistern verbreitet wurden und in denen es um Wohncontainer ging, die irgendwo am Stadtrand bereitstehen würden und in die man ziehen könnte, solange die eigene Wohnung renoviert werden würde. Wo soll man hin, wenn die Miete bei einem stadteigenen sozialen Vermieter nicht mehr bezahlbar ist? Raus aus der Stadt, an den Rand. Hamburg den Reichen. Die Dienstleister in Wohncontainern drumherum. Was für eine sauber getrennte Welt: Raum, Grünflächen, CO2 Neutralität auf der einen — Enge, Billigfleisch und Altersarmut auf der anderen Seite.

Die Renovierungsvorhaben bekamen dann ordentlich Gegenwind von einer organisierten und mutigen Nachbarschaftsgemeinschaft, die sich nicht einfach vertreiben lassen wollte. Ihr Viertel bedeutete ihnen etwas und dafür kämpften sie. Auch wenn es aus der Perspektive der Altbauwohnungen und der Vorgärten unvorstellbar erscheint: auch Menschen mit wenig Geld, entwickeln das Gefühl in der eigenen Wohnung ein Zuhause zu haben — und dieses Gefühl bleibt auch dann, wenn im Winter die Heizung nicht genutzt wird, um Kosten zu sparen und es durchs Fenster regnet, sobald der Wind dreht.

Der Streit zwischen dem renovierungswütigen Vermieter und den Anwohner*innen der Veddel, die ihren lieb gewonnenen Dreck nicht mit einer goldenen Hausfassade übermalt sehen wollten, dürfte sich noch lange hingezogen haben. Ich bin umgezogen. Meine Wohnung auf der Veddel war nicht mehr bewohnbar, nachdem die Küchendecke sich bedrohlich abgesenkt hatte. Zu meinem Glück fand ich ein Zimmer in einer kleinen Wohnung mit der wunderbarsten Mitbewohnerin der Welt.

So glücklich dieser Umzug für mich war und ich wieder aufrecht in einer Küche am Herd stehen konnte, so wurde er doch Auslöser zu einem üblen Streit: ich bezog damals HartzIV.

HartzIV ist das, was man beantragt, wenn nichts mehr geht. Man erhält es im Tausch gegen jedes Selbstbestimmungsrecht. Und mit der ersten Zahlung auf das eigene Konto bekommt man noch mehr: man bekommt die Gewissheit, dass ab diesem Moment jemand auf Dich achtgibt. Keinen Cent kannst Du mehr sinnlos oder trottelig verschwenden, ohne dass Du nachher darüber Rechenschaft ablegen musst. Du bist gepackt an der Wurzel des Übels: dem Schlendrian. Denn das ist Deine neue Gattung: alle, ausnahmslos alle, die Geld beim Jobcenter beantragen, sind faul und müssen lernen, wie das richtig läuft, mit dem Geld verdienen. Das ist das „Fordern“ im selbstgewählten Leitspruch der Behörde. Man wird ständig gefordert, sich seiner neuen Gattung gemäß zu verhalten. Auf der anderen Seite der Medaille steht das „Fördern“. Meine Leidensfähigkeit wurde gefördert. Die Fähigkeit, Schlaflosigkeit zu erdulden perfektioniert und auch die Abgeklärtheit, das Ende einer Freundschaft oder einer Liebesbeziehung nicht persönlich als verletzend zu begreifen, sondern zu erkennen, dass die Abkehr lediglich der sozialen Figur des „Hartzers“ gilt. Aber der Reihe nach.

Ich war auf die Wohlfahrt angewiesen, weil ich der Hybris verfallen war, als Kirchenmaus etwas anderes anzustreben als einen Beruf, der mich verlässlich mit Geld versorgt. Ich wollte Journalist werden. Die Jobs in dieser Branche sind hart umkämpft und ich hatte zweimal hintereinander den Kürzeren gezogen. Dann ging mir das Geld aus.

Dieses „Geld ausgehen“ ist eine abgedroschene Phrase. Der Moment des Nichts, der Moment der roten Zahlen, die EC — Karte, die nicht wiederkommt, das alles bahnt sich an. Und wie so oft fing alles mit einem Missgeschick an.

Im Herbst fielen mir Löcher in den Sohlen meiner Schuhe auf. Für Rabattaktionen war es natürlich ein halbes Jahr zu spät. Anfangs versuchte ich, Nässe und Kälte mit Wollsocken zu stoppen, doch Ende November musste ich einsehen, dass ich Winterschuhe brauchte. Ich rechnete: bis das Honorar meiner letzten Reportage ankommen würde, dauerte es noch fast fünf Wochen und dann würde ich wegen laufender Kosten im Roten Bereich gelandet sein und würde das Honorar in die Farbe meines Kontostandes investieren müssen. Weihnachten, Geschenke, Zugfahrten hin und wieder zurück, einen kleinen Puffer bis zum nächsten Jahr: ich konnte mir Schuhe für 75 € leisten. Jetzt habe ich aber eine weitere Hybris: ich stehe auf Qualität. Ich mag diese ganze Synthetik — Plastik — Papp — Verarbeitung in Billigkleidung einfach nicht. Ich gebe lieber zu viel Geld für eine Jeans aus und bleibe den einen Tag, den es braucht sie zu waschen und zu trocknen, in Unterhose zu Hause, als drei Hosen für den gleichen Preis zu kaufen. Wenn man sich seinem Geldbeutel gemäß anzieht und wenn der so leer ist wie meiner damals, sieht man, bedeckt von monströsen Schriftzügen, blinkenden Steinchen, falschen Rissen und seltsamen Waschungen einfach dämlich aus. Und da ist wieder die Verbindung: arm — billig — doof.

Für 75 € gute, das heißt langlebige, stabile, wärmende und nicht allzu klobige Winterschuhe in Größe 46 zu bekommen, ist unmöglich. Es gibt Sonderangebote, auch im Winter (Vorjahresmodelle, Austellungsschuhe und solche, bei denen eine Ziernaht von erschöpften Fingern in irgendeiner Fabrik in Italien oder Vietnam falsch genäht wurde) aber nie bei Schuhen ab Größe 45 aufwärts. Das ist anscheinend irgendeine universelle Gemeinheit. Bei Hosen ist es übrigens dasselbe.

Ich fand Schuhe. Gute Schuhe. Schicke Schuhe. Für 150 €. Ich habe sie gekauft. Neun Jahre später trage ich sie immer noch! Ich habe sie in dem Wissen gekauft, mein Budget von 75 € um 75 € zu sprengen. Angesichts meiner damaligen Situation eine unfassbare Dummheit. Rückblickend, neun Jahre und einige Behandlungen beim Schuster später, eine super Investition.

Das nächste Ereignis auf meiner Negativlaufbahn kam dann von außerhalb: mein Honorar kam nicht. Mir wurde nur versichert, dass es unterwegs sei und bald, ganz bald auf meinem Konto eintreffen müsste. Dieses „bald“ erwies sich als sehr dehnbar. Ganze vier Wochen nach der Frist versandete es zwischen roten Zahlen. Dabei hatte ich Druck gemacht.

Ich hatte nicht mehr warten können. Rote Zahlen wachsen (komischerweise) schneller als schwarze. Deshalb hatte ich wieder einen Job in der Logistik angenommen. Ich schleppte also wieder Stühle für Touristenärsche aus aller Welt, die nach Hamburg kommen um Musicals zu sehen. Wer auch immer so etwas sehen will, aber offenbar gibt es ihrer genug und sie haben Geld und sind daher unfehlbar in ihrem Geschmack. Ich schleppte jedenfalls nächtelang. Wenn nicht im Musical, dann auf Raddampfern, auf Rennbahnen, auf Golfplätzen, in Hotels — irgendwo findet immer ein Event statt. Ich schleppte, bis ich mir meine Hand so dermaßen beim Stapeln von Stühlen einklemmte, dass sie tagelang nutzlos von meinem Handgelenk hing. Also konnte ich nicht länger schleppen und bemühte mich, mit meiner eigentlichen Profession Geld aufzutreiben. Dabei wurde mir klar, dass ich bereits viel verpasst hatte. Ich hätte mich auf Praktika bewerben, oder weitere Reportagen schreiben müssen. Oder mich mit kleineren lokalen Zeitungen vernetzen müssen — aber dafür hatte mir wohl die Zeit gefehlt. Also schleppte ich wieder, was dazu führte, dass meine Hand schlechter wurde. Zu dem Zeitpunkt hatte ich schon mehrfach einen Termin beim Jobcenter ausgemacht, ihn dann aber immer wieder abgesagt.

photo by Leon Ospald

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Dann meldete sich ein Freund für einen Besuch bei mir an. Er wollte ein verlängertes Wochenende bleiben und ich sagte ihm mit sehr gemischten Gefühlen zu. Ich freute mich zuallererst über den Besuch. Ich wollte für ein Wochenende abschalten, meinen existentiellen Druck in die Ecke stellen. Für zwei Tage die gemeinsame Zeit genießen. Aber wenn ich nicht aufpasste, kroch da sofort eine kleinliche Krämergestalt in mir hoch und fing an zu rechnen: Einkauf für zwei Personen mit Wein und Bier, Frühstück an zwei Tagen mit Kaffee und Obst, Kneipe für zwei mal fünf Stunden, anschließend St. Pauli, mit Eintritt und Nachtsnack.

Eigentlich war klar: ich konnte mir den Besuch nicht leisten. Ich müsste meine Situation erklären, wusste aber schon, welche teilweise befangenen Reaktionen sie bei meinem Freund hervorrufen würde. Ich hätte ihn in die Situation gebracht, helfen zu wollen oder sogar zu müssen. Ich wollte aber einem Freund begegnen und nicht seine Wohltätigkeit anzapfen. Bei einem Menschen, der die gleiche Erfahrung von Hilflosigkeit gemacht hatte, wäre es kein Problem zu sagen: „Schön, dass du da bist — du zahlst!“, weil klar gewesen wäre, dass es jederzeit andersherum sein könnte und ich dann derjenige gewesen wäre, der gesagt hätte: „natürlich zahle ich!“. Aber mit dem Freund, der mich damals besuchen kommen wollte, ist das nicht möglich gewesen. Für ihn war es eine Sache von Sparsamkeit, genug Geld beieinander zu haben und Armut so etwas wie ein Schnupfen. Ich umschrieb meine Situation bei seiner Ankunft dann etwas euphemistisch mit „ich habe momentan einen Engpass.“ Damit konnte er umgehen, denn ein Engpass ist zeitlich begrenzt und stellte nur eine Ausnahme von einer finanziellen Grundsituation dar, in der wir einander gleich waren. Er war auch sofort bereit, den ersten Einkauf zu übernehmen — aber ich hatte ein Spiel begonnen und musste den Schein wahren, dass der Unterschied zwischen uns trotz meiner Situation eigentlich sehr klein war. Ich hatte die vielleicht völlig unbegründete Sorge, die Freundschaft zu verlieren, falls deutlich geworden wäre, wie wenig ich tatsächlich zur Verfügung hatte und wie weit unsere Lebensrealitäten dadurch auseinanderlagen. Mir fehlten überhaupt die Worte, um zu beschreiben, was in mir vor sich ging. Also zahlte ich einen Teil des Einkaufs. Ich wollte dieses Gefühl der Normalität. Auch wenn es mich einiges kostete, dem rechnenden Krämer und der panischen Kassandra in mir das Maul zu stopfen.

An der Kasse nahm ich mir einen Schokoriegel und legte ihn zu dem üppigen Einkauf aufs Band. Mein Freund nahm ihn und legte ihn wieder zurück ins Regal. Ich lachte und nahm ihn wieder raus. Er fragte, ob ich nicht wüsste, dass die Dinge direkt an den Kassen völlig überteuert wären. Ich sagte: „Ein Euro!“ Und er: „Du musst doch sparen.“

Ich kaufte den Riegel nicht. Meine Stimmung war im Keller, nein — ich war richtig wütend. Selbstverständlich war der Riegel überteuert. Aber wenn ich auf mein Geld achten sollte, hätte ich auf den Besuch und nicht auf den Zucker verzichten müssen. Ein Euro — machte überhaupt nichts. Diese Tage mit einem Freund waren mein Luxus, mein Urlaub und da gehörte ein Schokoriegel dazu.

Dieser Schokoriegel ist für mich zu einem Bild geworden. Es steht für das große Missverständnis, dass Habenichtse nichts haben, weil sie nicht verzichten können. Der Witz ist aber, dass ein wenig Schokolade einen sorglosen Moment im sonst knochentrockenen Alltag darstellt, in dem man auf unfassbar vieles verzichtet.

Wir wussten, dass wir kein Teil dieser Vision waren. Sozialhilfe reicht nicht für emissionsarme Häuser, Dachgärten und Photovoltaik. Diese Rechnung ist so simpel wie ernüchternd

Das Wochenende verlief dann recht angespannt: wir haben jede Rechnung geteilt. Finanziell waren die Tage ein Desaster. Wir wussten beide nicht, wie wir einander begegnen sollten. Das Wissen um meine Situation hatte uns in eine Schräglage gebracht und alles Gesagte rutschte auf ihr hin und her.

Ich erzähle diese Geschichte, weil eben dieser Freund in dieser Situation mit seinem Verhalten, das zwischen Gönnerhaftigkeit und erzieherischem Gehabe, meine Widerstandskraft weiter aufgezehrt hat. Ein Wochenende am See mit Bier aus Plastikflaschen und einem Einweg Grill hätte mir mehr gebracht, als die zusätzliche Anstrengung, die Unsicherheit eines gut gepolsterten Freundes im Umgang mit meiner löchrigen Jacke auszugleichen. Der lange Riss in meiner heiß geliebten Lederjacke, der unter der linken Schulter ansetzte und sich bis zur Tasche auf Hüfthöhe hinab zog und den ich versuchte zu verstecken, indem ich mir angewöhnt hatte, meine linke Hand immer in der Jackentasche zu behalten, hatte tatsächlich noch Anlass zu einem Eklat gegeben. Ein Türsteher hatte den Riss entdeckt und mich aus der Warteschlange eines Clubs vertrieben, dessen Publikum so gerne Freiheit und Gleichheit abfeiert (nur von Brüderlichkeit hat es keine Ahnung). Obwohl die Situation unfassbar peinlich war und mein Freund diskutierte und darum kämpfte, mich mit Riss auf die Party zu bekommen, war ich heilfroh, dass er scheiterte. Ich konnte dann alle anderen dazu überreden, ohne mich zu feiern und verdrückte mich nach Hause. Dieses Wochenende hatte mich noch auf einer ganz anderen Ebene Kraft gekostet, als es die Suche nach Jobs ohnehin tat. Ich mache meinem Freund keinen Vorwurf. Er konnte nicht ahnen, was in mir vor sich ging. Und ich hatte nicht die Worte, meine Angst davor, ihn zu verlieren, wirklich auszusprechen. Wir haben uns eben so durchgehangelt und versucht, die Trennlinie mit allem, was man als Freund geben kann, zu überbrücken. Das hat leider nicht gereicht. Nach dem Wochenende kam der Moment, an dem ich endgültig für das Jobcenter bereitet war. Ich stellte fest, dass ich mir den Beitrag zur Krankenkasse nicht mehr leisten konnte. Meine Kreditlinie war so weit überzogen, dass der monatliche Abzug von Miete und Krankenkassenbeitrag nicht mehr möglich war. Es fehlten genau 75 € um beides bezahlen zu können. Ich hätte mich für Wohnung oder für die Versicherung entscheiden müssen und bei dieser Entscheidung knickte ich ein und wurde HartzIVler.

Doch anstatt unter den Fittichen des Staates Ruhe und die Chance zu einem neuen Anlauf zu finden, begann eine Phase der Rechtfertigung und der Strampelei. Man muss als „Abhängiger“ vor den Göttern der Grundsicherung nämlich immer beweisen, dass man es nötig hat und das man es auch verdient (moralisch!), einen Schluck Ambrosia ausgeschenkt zu bekommen. Ich habe als Bittsteller vorm Olymp bloß von Anfang an alles falsch gemacht, was man so falsch machen kann.

Zuallererst bin ich umgezogen und meine Begründung war, dass meine Küche drohte einzustürzen und dass in der Wohnung der Frau, die ich liebte, ein Zimmer frei war. Ich bin ratzfatz zu ihr übergesiedelt, ohne die Verkettung der Folgeereignisse auch nur zu ahnen. Der Umzug an sich war nicht das Problem. Mein Fehler war es, den bereits unterschriebenen und mit Datum versehenen Mietvertrag meiner Bitte um rückwirkende Genehmigung des Umzugs beizulegen. Es ist nämlich so, dass ein Umzug erst von der Behörde geprüft und erlaubt werden muss. Erst wenn belegt ist, dass der Umzug notwendig ist und nicht bloß eine Verbesserung der Lebensumstände darstellt, darf man umziehen. In dem Moment, da ich umgezogen bin, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen, hatte ich einen Betrugsversuch begangen. Blauäugig wie ich war, habe ich dann nachträglich den Mietvertrag abgeschickt und darum gebeten, meinen Umzug zu genehmigen. Hätte ich, wie ich es geplant hatte, den blanken Vertrag mitgeschickt, wäre nichts passiert. Hätte ich also geschummelt und bewusst einen Betrug begangen, hätte ich ungestört weiter meine monatlichen Zahlungen beziehen können. Ich habe schlicht danebengegriffen und den falschen Dokumentenstapel zur Post getragen. Mit dem unterschriebenen Vertrag hatte ich von Seiten der Behörde einen Betrugsversuch begangen.

Hinterher bin ich schlauer und weiß: handle nie aus Liebe wenn du auf HartzIV bist, Du wirst zu viele Fehler machen — dummer Junge! Aber: ich war eben saudumm.

Die Folge war, dass sich meine bis dahin sehr freundliche Sachbearbeiterin, die so gerne mit den Augen zwinkerte, wenn ich vor ihr saß und wir meine Berufsperspektiven in Fragebögen pressten, in eine beleidigte Göttin verwandelte. Tatsächlich hatte der Tonfall, indem sie mir vorwarf die Behörde betrogen zu haben, etwas sehr Persönliches. Sie war persönlich enttäuscht, wieder nur einen Schmarotzer vor sich zu haben, wo sie gedacht hätte, ich sei (endlich) anders. „Ich kenne euch alle!“ Schnauzte sie ins Telefon und legte auf. Ich hatte angerufen und gefragt, wieso meine monatliche Zahlung ausgeblieben war. Sie hatte mir nicht gesagt, dass ich als Betrüger bestraft werden würde und dass meine Zahlungen bis auf weiteres ausbleiben würden. Das habe ich erst hinterher verstanden (dummer Junge!).

photo by Leon Ospald

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Mir war nicht klar gewesen, dass eine wohltätige Behörde überlebenswichtige Zahlungen aus erzieherischen Gründen einfrieren darf. Ich habe in den vier Monaten ohne Einkommen meine Wohnung nur deswegen nicht verloren, weil jemand bei mir war, der für mich einstand. Angeblich war von der gekränkten Göttin nur eine einmonatige Bestrafung bei Wasser und Brot vorgesehen gewesen. Da aber mit meinem Umzug auch die Zuständigkeit über mein Schicksal gewechselt hatte, wurden es vier Monate. Wenn ich gesagt habe, ich hätte meine Sachbearbeiterin angerufen, dann klingt das nach einem einfachen und direkten Vorgang. Tatsächlich ist diesem direkten Kontakt ein separates Call Center zwischengeschaltet, welches lediglich Anfragen und die Bitte um Rückruf weiterleiten kann, nicht aber eine Verbindung zum verantwortlichen Beamten. Diese Vorkehrung mag einen Schutz der Beamt*innen vor Erpressungsversuchen, Drohungen und emotionaler Bindung darstellen, ich will aber nicht wissen, wie oft die Mitarbeiter*innen des Call Centers von verzweifelten Menschen angeschrien, bedroht und vollgeheult werden. Am Ende meiner HartzIV Karriere hatte ich einen sehr tollen Sachbearbeiter (die einzige Person mit akademischem Titel und die einzige person of color, der ich in der Behörde begegnet bin), der mir vorschlug, im Call Center für das Jobcenter zu arbeiten. Er erzählte mir, dass sehr viele ehemalige HartzIVler dort arbeiten würden. Nachdem sie also monatelang an der Unerreichbarkeit ihrer Sachbearbeiter*innen verzweifelt waren, zwang die Ausweglosigkeit ihrer Situation sie dazu, in eben dieser Funktion ihren früheren Leidensgenoss*innen das alltägliche Überleben zu erschweren. Soviel zur Unmöglichkeit der Solidarität unter Armen. Als mir mein Kinn nach dieser Offenbarung buchstäblich auf seinen Schreibtisch fiel, kriegte er sich nicht mehr ein vor Lachen. Dieses Lachen und der Sinn für die Absurdität des gesamten Systems, hat mir ein letztes Fünkchen Glaube an soziale Hilfeleistungen eines Staates erhalten. Das sage ich ohne jede Ironie.

Aber zurück zu meiner beleidigten Göttin. Ich hatte ihr nicht gehuldigt und sie hatte mich mit einem viermonatigen Krieg bestraft. Denn: während dieser Zeit stritten sich zwei Jobcenter darüber, bei wem meine Akte und damit auch die Zuständigkeit über mich lägen. Ich weiß nicht, wie viele Tage ich am Telefon in Warteschleifen verbracht habe. Sicher vierzig E-Mails habe ich an verschiedene Sachbearbeiter*innen geschickt, um endlich meinen Beamten zu finden, der mir das Schandmal wieder von der Stirn wischen würde. Und das war auch so. Plötzlich floss wieder Geld. Nicht viel, aber genug, das der errechnete Grundbedarf gedeckt war.

Ich möchte das einmal aufschlüsseln: ich habe insgesamt 799,28 € monatlich bekommen.

Sicherung des Lebensunterhalts: 329,- €

Bedarf Unterkunft und Heizung: 312,43,- €

Zuschuss zur Krankenkasse: 137,33,- €

Pflegeversicherung: 20,52,- €

Es ist gestatten zu verdienen. Bei einer geringfügigen Beschäftigung von 450,- € wird der Freibetrag von 100,- € gegengerechnet, sowie eine Pauschale von 20%, sodass man real 260,- € verdient hat. Diese 260,- € werden dann vom Regelbedarf abgezogen. In meinem Fall also 329,- € minus 260,- € ergibt 69,- €. Diesen Betrag hätte dann das Jobcenter zu meiner Grundsicherung zu zahlen. Warum auch immer. Es gibt für diese Rechnung keinen Grund. Die Zahlen sind völlig willkürlich. Sie haben allerdings einen Zweck: sie sollen das Leben auf eine unbequeme Art erhalten. Dahinter steckt die Angst, dass man es guthat und weiter die Hand aufhält. Es reicht aber völlig aus, einem jedes Selbstbestimmungsrecht zu entziehen und die Empfänger der Leistungen in ein absurdes System aus Anschuldigungen und Regeln zu verwickeln, damit man es unbequem hat. Hilfreich dabei ist der Generalverdacht, alle die Sozialleistungen beziehen, hätten ihre Vermögen versteckt und wollten einfach nicht arbeiten. Richtig! Wer will seine Lebenszeit schon in Lohnarbeit verbringen? Wer Geld hat, tut sich diesen Dokumente-Marathon nicht an.

Meine Zeit auf HartzIV fand ein Ende, als ein Theaterprojekt auftauchte und ich einen Vertrag über mehrere Monate erhielt. Ich sollte den gesamten Probezeitraum dokumentieren und so etwas wie eine großangelegte Serie schreiben. Der Regisseur wünschte sich zudem ein Portrait. Aber die Pointe wartete noch auf mich. Sie eröffnete sich in Form eines Briefes der Krankenkasse. Angeblich war ich mit meinen Beiträgen im Rückstand. 900,-€ würden ausstehen. Ein Ding der Unmöglichkeit, da eigentlich das Jobcenter diese Kosten trägt. Irgendwann im Vorjahr musste ein gewaltiger Fehler passiert sein. Ich telefonierte also wieder und fand den Fehler: meine rachsüchtige Sachbearbeiterin hatte mich abgemeldet. Und dann meine Akte angeblich dem neuen Jobcenter überstellt, ohne mich oder sonst jemanden darüber zu informieren, dass ich in nächster Zeit nicht Krankwerden oder einen Unfall haben sollte. Wieso man mich dann aber nicht wieder anmeldete und die Krankenkasse sich nicht bei mir meldete — keinen Schimmer.

Man habe mir den Betrag ausgezahlt hieß es von Seiten des Jobcenters. Das stimmte sogar. Allerdings bloß einen Zuschuss und einen Bruchteil des monatlichen Betrages. Bei mir hätten die Alarmglocken schrillen müssen als ich „Zuschuss“ auf meinem Berechnungsbogen gelesen habe. Das taten sie aber nicht. Ich muss wohl gedacht haben: „137,33,- € mehr, wie nett!“ (Dummer Junge)

Ich zahlte also den regulären Betrag und die ausstehenden Kosten in Raten zurück. Wie? Das ist eine andere Geschichte.

Wer war die Abrissbirne im Fall des Jobcenters? Und für wen? Und wieso lässt sich eine Sachbearbeiterin zu einem emotionalen Ausfall hinreißen? Wie geht sie dann erst mit Langzeitarbeitslosen um, denen das System „Fördern und Fordern“ sämtlichen Saft aus den Knochen gesaugt hat? Oder mit immigrierten Menschen, die die Sprache der Behörde noch schlechter verstehen, als Muttersprachler. Denn: niemand kommt mit diesen Satz — und Wortmonstern zurecht. Dennoch: wer wollte hier etwas abreißen? Und wozu die ganze persönliche Aufgeregtheit in einer Behörde?

Das Jobcenter ist eine Verteilungsstelle für Arbeitsplätze, die besetzt werden müssen aber unattraktiv sind. Für solche Jobs, die bei steigendem Bildungs — und Einkommensschnitt immer seltener „angestrebt“ werden, müssen Kräfte rekrutiert werden. Für das Funktionieren von Infrastruktur, Logistik und Dienstleistung ist es zwingend notwendig, dass das Jobcenter ausreichend Arbeitsmasse zermürbt und in den Billiglohnsektor pumpt. Mir wurde beispielsweise eine Ausbildung zum Gabelstaplerfahrer angeboten. Das ist bestimmt kein schlechter Job. Die Ausbildung kostete allerdings 7.000, — €, die vom Jobcenter übernommen worden wären. Das wollte mir nicht einleuchten, da ich eigentlich ein Zertifikat als Lehrer für Deutsch als Fremdsprache beim Goethe — Institut machen wollte. Dieses Zertifikat hätte lediglich 1.759, — € gekostet. Echte Öffentliche Fürsorge würde dann bestehen, wenn eine Entkopplung vom Schicksal (und vom körperlichen Zustand) eines Menschen und der moralischen Bewertung seines Charakters und des Wertes seiner Person stattfinden würde. Nur wer als Mensch nicht mehr so wertvoll ist, wie jemand mit Arbeitsvertrag, nur wessen Ansehen nicht mehr das eines vollwertigen Menschen ist, kann ganz pauschal mit Tausend anderen als Betrüger und damit als kriminell abgestempelt werden. Das perfide ist, dass man sich das gefallen lässt — weil weiter unten, nur die Obdachlosigkeit wartet.

Nach wie vor gilt die Losung: „Hast was, biste wer!“ Umgekehrt heißt die Losung aber auch: „Haste nichts, biste nichts!“ Und einem Nichts reichen 8,50 € Mindestlohn. Denn was braucht das Nichts schon mehr. Dabei wäre es gar nicht so schwer, von der Menge des Privatvermögens als Gradmesser für die Bewertung eines Menschen abzusehen. Man müsste sich dafür bloß von einem Grundprinzip der kapitalistischen Hackordnung befreien. Es wäre wohltätig, mehr Eigentum mit mehr sozialen Pflichten zu versehen. Also mithilfe eines Steuersystems, das Reichtum nicht von jedem Betrugsvorwurf freispricht, sondern Steuerhinterziehung verfolgt und bestraft. Wer ein Haus besitzt, sollte eine Sozialwohnung für vulnerable Gruppen, anmieten und Instand halten müssen. Wer mehr als ein Auto haben will, sollte einen Pauschalbetrag in den öffentlichen Nahverkehr zahlen, der sich am Wert und CO2 Verbrauch der Autos bemisst. Wer seine Kinder auf Privatschulen schickt, sollte anderen Kindern die Schule finanzieren und wer seine Alten in Villen von eingekauften und eingeschifften Bulgaren, Mexikanern und Vietnamesen versorgen lässt, sollte an ihrer Stelle in der Altenpflege schuften müssen. Das wäre ein Anfang. Beim Bergsteigen gilt: der Langsamste bestimmt das Tempo der Gruppe, damit die ganze Gruppe das Gipfelkreuz erreicht. Wie wäre es mit dieser Losung als neuem Gesellschaftsvertrag?

Ein Zuhause, ein Ort, der bleibt. Der Beständigkeit bietet und ohne Fragen aufzuwerfen einfach da ist, das ist mehr als ein Ort zum Essen und Schlafen. Der Unbeständigkeit und Fragilität eines Lebens, setzt er Verlässlichkeit entgegen. Von ihm aus lassen sich Abenteuer angehen. Von ihm aus, sind Herausforderungen neue Möglichkeiten und nicht zwangsläufig Bedrohungen. Ohne ihn, ohne den Ort, der in deinem Besitz ist und über den auch niemand sonst bestimmen kann außer dir, ist jeder Sturm eine Gefahr für dein kleines Leben, das so schnell, so leicht, mit nur einer Kündigung, einer Krankheit, einem Fehltritt ins Rutschen gerät und am Ende dieser Rutschbahn wartet dann ein Vermieter und dem ist nicht zu trauen.

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photo by Valerie Groth

photo by Valerie Groth

Leon Ospald was born in 1989 in Würzburg, Germany. Studied acting in Hamburg and dramatic writing at the University of Arts Berlin. He does work as a teacher in Zürich at the ZHdK.

His playwrights has been published at Henschel-Schauspiel since 2018. In 2020, he was assigned with the Stückepreis of the Else — Lasker — Schüler Dramatikerpreises for his piece GUPPYSTERBEN.

In his work as a playwright and essayist, he is always keen to investigate human conflicts as well as the potential of every story, to tell and reveal the fabric of structures we live in and on which our societies are based on. In his understanding — a writer is a person who never just tells a story, but follows the traces of injustice and the abuse of power.

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