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Aus der Zeit

Leon Ospald06/03/23 13:041.1K🔥

Marina lag wach. Die Zeiger auf dem Wecker neben ihrem Bett bewegten sich quälend langsam. Noch zehn volle Umrundungen des Sekundenzeigers, dann würde es aus der schwarzen Box herausklingeln. Irgendetwas war mit dem Wecker. Irgendeine Gemeinheit steckte hinter den nichtssagenden Strichen, die Zahlen darstellen sollten. Irgendeine voyeuristische Präsenz strahlte von dem Zifferblatt aus auf ihr Kopfkissen. Ganz so, als ob der Wecker sie prüfen, sie testen wollte, ob sie denn auch in der Lage sei, mit Zeit umzugehen. Das war sie nicht. Nicht mehr. Zeit war etwas geworden, neben dem sie herlief. Selten, oder eigentlich nie, fühlte sie sich mit ihrer Zeit in Einklang. Immer gab es etwas, das aus der Vergangenheit hervorkroch und sie zurückziehen wollte, aus der Zeit heraus. Oder ein zukünftiges Ereignis legte sich bleiern und bedrohlich über das Jetzt. Nach ihrem eigenen Zeitempfinden konnte sie schon lange nicht mehr leben. Seit, ja seit alles anders geworden war. Seit ein Augenblick ihre Gegenwart zerfetzt hatte.

Sie könnte aufstehen. Immerhin war sie seit einer halben Stunde wach und gleich war es sogar nach der offiziellen Zeit des Weckers mit dem Schlafen vorbei. Aber es gab genau einen Moment, der ihr diesen Montagmorgen mit einer kleinen Portion Genugtuung füllen würde und dafür lohnte es sich, dem Sekundenzeiger bei drei

weiteren Umdrehungen zuzusehen. Dann war es soweit: aus dem Wecker sprang der Schalter nach oben, der Piep Ton schrillte und Marina holte aus. Für Sekunden ließ sie den Wecker ihr Gehör malträtieren und schlug dann zu. Mit dem Gefühl, sich dem Wächter und Kontrolleur ihres Schlafes wenigstens ein Stückweit entzogen zu haben, stand sie auf.

Das Frühstück war eine routinierte und lieblose Angelegenheit: Kaffee und zwei Scheiben Brot mit Marmelade. Früher hatte sie die Zeit morgens zelebriert. Sie hatte Radio gehört, oder Zeitung gelesen und vor allem hatte sie jeden Tag mit einigen Sport — und Atemübungen begonnen. Damals war sie noch zur Uni gegangen und hatte auch nicht allein in der Küche gesessen. Das war vorbei. Verloren gegangen. Heute, jetzt, klatschte sie Butter und Marmelade auf ihre Graubrote, nuckelte am Kaffee und bereitete nebenbei die anstehenden Unterrichte vor. Leider war es so gekommen, dass der erste Tag der Woche zugleich der Forderndste war. Marina drückte die Fingerspitzen gegen die Stirn und schimpfte mit ihrem gestrigen Ich, dass unbedingt drei Gläser Rotwein vor dem Schlafengehen gebraucht hatte.

Als erstes warteten heute zwei Doppelstunden mit Afnan. Ihrer besten und ehrgeizigsten Schülerin. Niemand forderte so penibel und detailversessen, korrigiert zu werden wie Afnan. Ihr Anspruch war es, sich auf Deutsch so bilderreich ausdrücken zu können, wie in ihrer Muttersprache. Einmal hatte Afnan ihr erklärt, dass man ganze Gespräche führen könne, ohne das auszusprechen, was man sagen wollte und trotzdem alle verstehen würden, worum es ging. Dieses Niveau wollte sie mit Deutsch auch erreichen.

Da sie eben damit angefangen hatte, sich über sich selbst zu ärgern, war es leicht, damit weiterzumachen. Freitag, nach dem letzten Kurs, hatte sich auf ein Wochenende allein, ohne Verabredungen gefreut. Zwei Tage nicht kommunizieren müssen. Samstag morgen war sie von der Einsamkeit angesprungen worden und in ihrer Küche hatte es Asche geregnet. Alles war bedeckt gewesen, von einer Schicht grauer Flocken. Das Buch, auf das sie sich gefreut hatte, war ihr öde vorgekommen. Das Gericht, das sie hatte kochen wollen, schmeckte schon beim darüber nachdenken fad. Ihr Appetit war zu Lustlosigkeit zerbröselt. Und aus dieser Lustlosigkeit heraus, hatte sie angefangen, nach einem Date für den Abend zu suchen. Nach einigem Fotos-Wischen und vielen seltsamen Chatverläufen, war sie plötzlich verabredet gewesen. Das Date war dann ebenso planmäßig wie langweilig verlaufen: nach dem Essen in einer Pizzeria, noch zwei Drinks in einer Bar, mit der Bahn zu ihm, knutschen an der Haltestelle, fummeln und ausziehen im Flur, Sex im Bett und nochmal im Bad. Soweit, so angenehm. Aber dann hatte sie einen Fehler begangen: sie war geblieben. Der Mundgeruch eines Fremden beim Frühstückskaffee hatte den Ascheregen dichter fallen lassen. Ohne zu duschen war sie nach Hause gefahren. Aber: nach Hause kommen ist schrecklich. Statt gegen die Stirn, schlug Marina neben ihrem Graubrot auf den Tisch. Es hatte sie fast den ganzen Samstag gekostet, das Gefühl klebriger Saugnäpfe wieder von ihrer Haut zu waschen.

Dann war zusätzlich die Frage wieder aufgetaucht. Die eine, unbeantwortete Frage, die sie immer dann wälzen und neu anschauen musste, wenn ihr das Gefühl für die Gegenwart entglitt.

Das Wochenende war vorbei. Wieder ein Montag und wieder fehlte ihr die Zeit, in der sie der großen Frage hätte nachgehen können, oder sie zumindest so lange hin — und her hätte wälzen können, bis sie sich selbst dabei langweilte und der Druck der Antwortlosigkeit der gewohnten Leere und Erschöpfung hätte weichen müssen. Aber die Zeit war verstrichen, das Wochenende vorbei. So musste sie also wieder, irgendwie halb in der Vergangenheit, im Studium, im Traum, doch noch das Examen zu machen und halb in der Realität, in der sie unterrichtete und überlebte, in die neue Woche starten. Die Uhr auf ihrem Handy zeigte es an: sie musste los. Auch wenn es keinen Grund zur Eile gab, ihr genug Zeit blieb, die Unterrichtsbücher in den Rucksack zu packen, sie die Zähne zu putzen, die Haare zusammenzustecken, hielt sie es nicht mehr an ihrem Küchentisch aus. Sie wollte nicht länger an diesem Ungetüm aus Holz und weißem Lack sitzen, an diesem Monstrum aus einer anderen Küche, in der sie nicht allein gefrühstückt hatte. Sie sprang auf und blieb hängen: mit dem Knie, wieder mit dem Knie. Mit der Wucht ihrer schnellen Bewegung vom Tisch weg, rammte sie ihr Knie gegen die Metallverstrebungen zwischen den Tischbeinen. Wieder das Knie, wieder das rechte Knie, mit dem sie schon einmal hängengeblieben war — oder war der SUV an ihr hängengeblieben? Wieder raste Schmerz durch das Körperteil, das untrennbar mit dem Wendepunkt, mit dem ungreifbaren Kippmoment verbunden war. Für alles, für das einsame Frühstück, für die quälende Frage, für das abgebrochene Studium, für den Job als Lehrerin, war ihr rechtes Knie der Dreh — und Angelpunkt. Oder vielmehr der Unfall, bei dem das Knie zertrümmert worden war und sie ins Krankenhaus gebracht hatte und eine verwirrende Kette aus Folgeereignissen ausgelöst hatte, an deren Ende sie jetzt durch die Küche hüpfte, das Knie nutzlos in die Luft gereckt und trotz Schmerzen nicht schreien oder heulen, sondern eigentlich laut lachen wollte. Sie wollte lachen, weil sie sich plötzlich an ihre Urgroßmutter und an einen Moment denken musste, als sie nach der Operation im Krankenhausbett gelegen hatte. Die alte Dame hatte im Rollstuhl neben ihr gesessen und während der Rest der Familie noch völlig unter Schock auf die Konstruktion aus Gips, Draht und Mullbinden gestarrt hatte in der ihr Bein steckte, war sie vor Lachen fast von ihrem Stuhl gerutscht. Niemand hatte verstanden, was so lustig sein sollte. Zudem sie alle wussten, dass das älteste Familienmitglied nach Schätzungen der Ärzte nur noch wenige Wochen zu leben hatte. Aber sie lachte.

„Ach Kind,“ hatte sie irgendwann hervorgebracht, „freu dich doch. Jetzt ist die Frage, beantwortet, welches Bein Standbein und welches Spielbein sein soll.“

Den Scherz hatte niemand verstanden. Und sie hatten den Lachanfall damals auf die Medikamente zurückgeführt, mit denen der siebenundneunzig Jahre alte Körper bin unter die Dachbalken vollgepumpt gewesen war.

An dieses Lachen, kurz vor dem Grab, über einen Scherz, der nur für die alte Frau selbst lustig gewesen war, musste Marina denken, als sie durch ihre Küche hüpfte — das Spielbein nutzlos in die Höhe gereckt. Also lachte sie, und heulte dann doch. Es half nicht: die Uhr zeigte unerbittlich an, das sie losmusste.

Vor dem Küchenfenster machte der Herbst klar, dass er angekommen war. Die letzte Septemberwoche war noch ein fetter Schwung Spätsommer gewesen. Jetzt wehten nasse Blätter durch die Luft.

Marina packte schnell entschlossen ihre Bücher aus dem Rucksack in die Fahrradtaschen. Gerade weil es nieselte und gerade weil ihr Knie schmerzte, wollte sie mit dem Fahrrad fahren. Auch wenn sie nur mit einem Bein treten konnte — bei der Vorstellung, mit anderen Menschen im Terrarium der U-Bahn zusammenzusitzen wurde ihr übel. Außerdem war es gut, gegen den Schmerz an zuarbeiten. Sagte zumindest ihr Physio, immer dann, wenn er freundlich besorgt ihr Knie durch bewegte.

An der Tür, mit einem Fuß schon auf der Treppe, mit der Hand am Türschloss, gab es einen leichten Ruck. Etwas knackte und der Schlüsselanhänger fiel ihr vor die Füße. Die Kette war gerissen. Sie hatte ihn noch zwischen den Fingern gespürt, aber ihre Bewegung nicht mehr bremsen können. Der Anhänger, ein dicker Panda aus Gummi, lag auf dem Boden. Ihn da liegen zu sehen, wo andauernd Menschen herumtrampelten, dieses Bild stach ihr tief in den Magen. Der Schmerz schoss von dort aus wieder hoch, krampfte sich um ihre Brust, schoss weiter und legte ein Eisband um ihren Hals. Der Panda an der Kette, das war die letzte Verbindung zu einer längst verstorbenen Vergangenheit. Jedes Kettenglied verband sie mit einer Zeit, in der sie geliebt hatte und geliebt worden war. Statt sich zu bücken und das Kleinod aufzuheben, trat sie mit der Ferse auf das Tier. Der Panda blieb natürlich heil, lag auf dem Rücken und glotzte doof aus der Delle, in die sie ihn getreten hatte, zu ihr auf. Sie trat ihm wieder und wieder in die Gummifratze. Der Panda blieb ganz, das Linoleum gab ihren Tritten nach und so rammte sie die Götze weiter ein. Als sie von ihm abließ, war das letzte Geschenk, der letzte Liebesbeweis vor ihrer Wohnungstür festgetreten. Als sie auf dem Fahrrad saß und das kaputte Knie bei jeder Umdrehung der Pedale mit dem Schmerz in ihrer Brust konkurrierte, fiel ihr ein, dass sie den Panda zwar losgeworden war, ihm dafür aber immer wieder ins Gesicht würde schauen müssen, lag er doch breitbeinig, wie ein erschossener Revolverheld auf dem Rücken vor ihrer Tür. Sie beschloss ihn am Abend aus seiner Grube zu kratzen und im Müll zu entsorgen.

Der Wind drosch Regentropfen auf die Kapuze ihrer Jacke. Sie fuhr schneller. In der Personaltoilette der Sprachschule zog sie sich um und bereitete dann den ersten Kurs vor: sie kopierte Übungsblätter, suchte Hörtexte und Zeitungsartikel zusammen, klemmte sich den Stapel aus Papier, Tablet und JBL Box unter den Arm und ging in ihren Unterrichtsraum. Das Zimmer war wie alle anderen eingerichtet: blauer Teppich, Kopien berühmter Gemälde an den Wänden (in ihrem war es „die Beständigkeit“ von Dali), ein Tisch, blaue Stühle mit Plastiklehnen, eine kümmerliche Pflanze, ein White-Board und Filzstifte. Nur in der Größe unterschieden sich die Räume voneinander. Ihr erster Kurs war mit nur einer Schülerin. Dementsprechend klein war der Raum. Marina öffnete das Fenster. Sie stellte Wasser und Gläser bereit und überflog noch einmal die Notizen für die nächsten drei Stunden.

Etwas war geschehen, hatte sich verschoben, war nicht länger verfügbar. Seit Wochen, seitdem eine Kleinigkeit, eine bloße Gedankenlosigkeit vielleicht, sich als Schock in Benns Alltag eingeschnitten hatte, verfolgte ihn ein Gefühl, als würde er über eine Brücke mit Bodenplatten aus Glas laufen und der Blick nach unten, zwischen seinen Füßen hindurch, verursachte den Kitzel, den er empfand, wenn er auf den Samstagmorgen zurückblickte, und sich fragte, was eigentlich geschehen war. Entweder, sagte er sich, bot sein Alltag nicht genügend Aufregung, um den Schock zu verdrängen, oder es war wie mit einem Bremsenstich, an dem man so lange herumpult, bis aus einer Kleinigkeit erfolgreich eine Entzündung gemacht worden war. Die Entzündung infizierte seit Wochen das gesamte System seiner Identität.

An einem Samstag hatte er sich Frühstück gemacht und sich mit einer Schale Joghurt, Obst und einem Marmeladenbrot wieder ins Bett verzogen. Er hatte Joghurt geschlabbert, Zeitung gelesen und zwischendurch die Beine unter der Decke gestreckt.

Dann war es geschehen: als er nach dem Marmeladenbrot greifen wollte, war der Teller leer gewesen. Zuerst dachte er, dass er das Brot bereits gegessen haben musste. Aber auf dem Teller waren keine Krümel. Auch zwischen seinen Zähnen nicht und auf der Zunge lag nicht der Geschmack von Butter und Erdbeere. Benn wurde nervös, denn entweder, hatte er das Brot wie nebenbei gegessen und konnte sich bloß nicht mehr erinnern oder, und dieser Gedanke machte ihm Angst, das Brot hatte nie auf dem Teller gelegen. Wenn das Brot aber nie von ihm abgeschnitten, mit Butter und Marmelade beschmiert und voller Vorfreude auf den Geschmack ins Zimmer getragen worden war — was bedeutete das dann? Die Erinnerungen an diese Vorgänge liefen gestochen scharf vor ihm ab. Er las weiter, aber der Zweifel saß zu tief. Mit der Hoffnung, das Brot sei bloß vom Teller gerutscht, suchte Benn die kurze Strecke zwischen Küche und seinem Zimmer ab, schlug die Decke zurück, hob Kissen hoch, spähte schließlich hinters Bett. Das Brot blieb verschwunden, die Lücke klaffte weiter auf. Als letztes untersuchte er das Messer, mit dem er meinte, das Brot bestrichen zu haben, aber auch da fand er weder Butter — noch Marmeladenreste auf der Schneide. Es war also ein leerer Teller gewesen, den er aus der Küche getragen hatte und der gesamte Vorgang, angefangen mit dem Abschneiden des Brotes bis zu der Marmelade, die fingerdick über die Butter geglitten war, bloß ein Konstrukt seiner Phantasie. Sofort meldete sich sein Verstand, entwarf logische Erklärungen für diesen Trug: überarbeitet, übernächtigt, übervoll mit Sorgen und seit Wochen dieser Zementsack aus Kummer und Angst, der jede Nacht über die Schulter geklatscht und unter dem Morgens wieder aus der Kuhle gekrochen werden musste, in die sein Gewicht Körper und Herz gedrückt hatte. Also ja: alle Voraussetzungen für Halluzinationen waren gegeben. Es musste dieser Zustand zwischen Wachen und Halbschlaf sein, der seit Wochen die Haut unter den Augen vertrocknen ließ und jetzt Marmeladenbrote herbei illusionierte. Dann wäre aber auch der Zeitpunkt für richtig starke Schlafmittel gekommen. Nichts Homöopathisches, sondern solche, die einen mit einem Nackenschlag ins Koma befördern konnten.

Benns Verstand arbeitete weiter. So klar die Analyse auch ausfiel, wirklich glaubhaft war sie nicht. Zu deutlich erinnerten Benns Finger, das Messer gehalten und den Teller getragen zu haben. Und es gab einen weiteren Grund an der Wahrheit der Erinnerung festzuhalten: denn, wenn diese Erinnerung nicht wahr, schlimmer noch, eine Täuschung, ein Abbild der Fehlerhaftigkeit von Sinneseindrücken war, was hieße das für alle anderen großen, wichtige, schmerzhaften, leichten Momente, wenn schon eine Banalität wie ein Frühstück in sich zusammenfallen konnte und nichts hinterließ als die leere Oberfläche eines Tellers? Dann war es auch möglich, dass der Tag zuvor vollkommen anders, oder überhaupt nicht abgelaufen war. Das Telefonat mit der alten Liebe, der Alkoholrausch, das misslungene Date, die Arbeitstage, die Jobsuche, die tausendfach wiederholten Momente in Warteschleifen, das alles konnte nie oder ganz anders abgelaufen sein. Aber, Benn suchte nach Haltegriffen um in seiner Gedankenflut nicht unterzugehen, da waren auch andere gewesen, andere Menschen, die sich auch erinnerten. Die könnte man fragen. Benns Hände klammerten sich an das Küchenmesser.

Afnan kam wie immer überpünktlich. Sie stürzte durch die Tür und fing an zu reden, bevor sie sich gesetzt hatte. Unter ihren Augen hatten sich Ringe eingegraben. Die Augen selbst waren weit geöffnet und bereit, alles Neue zu verschlingen.

„Marina, ich verstehe das nicht!“ Afnan knallte eine Zeitung auf den Tisch und wischte zwischen den Seiten, bis sie den Artikel gefunden hatte.

„Ich dachte, in Deutschland hätte man die Vergangenheit aufgearbeitet!“ Sie schlug mit dem Handrücken gegen das Foto von Innenminister Tümpelbauer, das über einem Artikel zu „Ankerzentren“ prangte.

„Ja — und was verstehst Du nicht?“

„Das ist doch…“ Afnan schüttelte die Hände in der Luft. „Das sind doch Lager, richtige Lager aber dort wird man nicht umgebracht, dafür muss man bloß den Rückflug zahlen und den Rest erledigen andere.“

„Ja — das kann man so sehen.“ Marina sog Luft ein und behielt sie in der Lunge. Sie sahen einander an. Wortlos und unfähig für die Verbrechen, die vor ihnen auf dem Tisch lagen und laut schreiend Tätigkeit forderten, eine Lösung zu finden. Schon oft hatten sie diskutiert und Afnan hatte immer wieder angesetzt und nach Worten gesucht, in einer Sprache, die ihr immer noch quer im Mund lag, für das, was in den vergangenen Jahren passiert war. Und war am immer gleichen Punkt der Erzählung, dann, wenn sie vom Unfassbaren hatte sprechen wollen, ins Schweigen abgerutscht.

„Vielleicht sollten wir Unterricht machen,“ Afnan knüllte die Zeitung zusammen und stopfte sie in den Abfalleimer.

Marina musste trotz ihrer miesen Laune und den unaussprechlichen Geschichten, die zwischen ihnen über dem Tisch schwebten, lächeln, als sie Afnan anschaute und die volle Konzentration ihrer Schülerin auf sich gerichtet fühlte. Die erste Viertelstunde nutzte sie, um Fragen den weiteren Kursverlauf und die anstehende Prüfung betreffend abzuklären. Anschließend kontrollierten und besprachen sie gemeinsam einen Text, den Afnan zum Thema „autofreie Städte“ geschrieben hatte. Die verbleibende Zeit bis zur Pause quälten sie sich durch Übungen zu Partizipien und dem Gerundiv.

In der Pause wurde Marina gefragt, ob sie einspringen könnte. Mal wieder eine kurzfristige Absage eines Kollegen, mal wieder fragte man sie, mal wieder sagte sie ja. Statt jedoch weiter hinter dem Panzer aus Selbstmitleid und kränklicher Aggression zu versinken, streckte sie sich vor dem Unterrichtsraum auf dem Flur, zog die Mundwinkel hoch, schnippte mit den Fingerkuppen gegen das Grau in ihrem Gesicht und riss die Tür auf. Afnan saß bereits wieder am Tisch. Sie holte gleich Luft als Marina hereinkam, hielt sie an bis sie sich wieder gegenübersaßen. Dann schoss sie ihre Frage ab: „Heute früh habe ich etwas gehört. Etwas, was ich nicht verstanden habe. Im Bus hat jemand gesagt, etwas wie: da müssen wir uns nochmal beratschlagen. Was soll das denn heißen, beratschlagen? und wieso reflexiv? Ein Rad schlagen heißt doch…“

„Nein, nein,“ Marina sprang zur Tafel. Dort schrieb sie „das Rad“ und „der Rat“ an.

„Ja sicher,“ Afnan lachte. Der Rat, das ist doch, wenn mir jemand sagt, was ich tun könnte — „

„Oder sogar tun sollte,“ ergänzte Marina.

„Aber…beratschlagen? Wieso schlagen?“

Marina schrieb zur Antwort weiter an der Tafel. Sie schrieb: der Ratschlag, der Ratgeber, einen Rat geben, der Bundesrat, sich beraten, sich beratschlagen, der Berater. Dann drehte sie sich wieder zu Afnan.

„Der Rat und der Ratschlag bedeutet eigentlich dasselbe. Zu dem Teil mit dem „Schlag“ kommen wir noch. Zunächst kann ich oder du einer anderen Person einen Rat geben, wenn sie in einer komplizierten Situation steckt und eine Entscheidung treffen muss. Dann kann man als jemand, der das Problem von außen sieht, manchmal besser abwägen, welche Entscheidung klug wäre. Die Entscheidung muss die be-ratene Person,“ Marina betonte die Vorsilbe, „natürlich selber treffen.“„Also…,“ Afnan zappelte auf ihrem Stuhl, „dann wäre ich die Be-ratene?“

„Sozusagen. Man sagt auch: gut beraten werden. Es gibt ja auch professionelle Ratgeber. In der Wirtschaft, in der Politik.“

„…oder in der Familie.“

„Ja auch da. Ich habe so einen Onkel…“

„Oh ich auch. Der steckt überall seine Augen rein.“„Seine Nase.“„Seine Nase. Das sagt man auf Arabisch auch. Seine Nase reinstecken.“„Also — der Schlag in der ganzen Sache.“ Marina stockte. Wieso eigentlich Ratschlag? Wo kam bloß der „Schlag“ her?

„Vielleicht heißt es Ratschlag, weil der Rat manchmal unvermittelt kommt und auch nicht immer angenehm ist.“Afnan schaute Marina gerade an.

„Du weißt es nicht genau?“

„Ich werde in der Pause nachsehen.“

„Mach das bitte.“„Ja.“

Bis zur nächsten Pause arbeiteten sie sich durch einen Artikel über die Proteste der „Fridays for Future“ Bewegung. Afnan beharrte darauf, bei jeder Ungenauigkeit korrigiert zu werden, bei jeder unsauberen Aussprache oder Betonung.

In der Pause schlug Marina „Ratschlag“ nach und entdeckte, dass es darum ging, den Kreis, den Beraterkreis zu schlagen. Nachdem sie Afnan die Etymologie des Wortes erklärt hatte, zog diese plötzlich die Augenbrauen zusammen.

„Marina! Was ist dann der Verrat? Ist das ein schlechter Rat? Ver — ist doch immer schlecht. Wie verlieren oder,“ sie lachte einmal hart auf, „sich verlieben.“

„Ja,“ Marina lachte auf die gleiche Art. „Es ist etwas Negatives. Aber nicht wirklich ein schlechter Rat. Wenn Du mir ein Geheimnis erzählst und ich sage es jemand Drittem, verrate ich dein Geheimnis. Oder ich verspreche dir etwas, etwas Großes, Besonderes und Du vertraust mir darin und ich tue nicht was ich versprochen habe, dann verrate ich dich. Ich bin dann ein Verräter, eine Verräterin. Ich habe dann ein Versprechen gebrochen.“ Marina stockte. Die Stille kroch durch den Raum. In ihren Köpfen zerrieben Mühlsteine Altmetall, Schrott und andere Erfahrungen.

„Also…die USA verraten die Kurden,“ sagte Afnan.

„Ja.“„Und Daisch verrät den Islam“„Ja.“

„Und Assad verrät die Syrer.“

„Ja.“

„Hast Du schon jemanden verraten?“

„Ja. Du?“

„Ja.“„Jeder verrät irgendwann jemanden.“

„Ja.“

„Und wurdest Du verraten?“

„Ja.“

„Es ist immer eine Entscheidung. Das passiert nicht einfach so,“ Marina tastete nach Worten. „…, dass man Menschen, geliebte Menschen verliert. Durch Zeit, Missverständnisse, oder einfach durch Fehler.“

„Oder den Tod.“

„Auch das.“

„Verlieren durch — und dann Akkusativ ja?“

„Ja. Akkusativ.“

„Ich habe auch etwas anderes Mal gelesen.“

„Vielleicht meinst Du verlieren an?“ Marina stand auf und stellte sich wieder an die Tafel.

„Vielleicht. Was heißt das?“ Afnan blätterte in ihrem Büchlein für neue Wörter.

„Puuh…das ist…,“ Marina drehte den Filzstift zwischen den Fingern und schrieb dann: verlieren an + Akkusativ an die Tafel und zog einen Kreis um die Verb — Präpositionen Verbindung.

„Wir brauchen ein Beispiel,“ sagte sie dann mit dem Gesicht zur Tafel.

„An den Tod,“ sagte Afnan.

„Schon wieder?“ Marina schluckte das bemühte Lächeln herunter, als sie sich umdrehte und ihrer Schülerin ins Gesicht sah.

„Ich habe Lars an den Tod verloren,“ sagte Afnan. „Was heißt das?“

„Es ist ein Bild. Der Tod hat Lars jetzt. Er ist jetzt beim Tod. Wie bei einer Person.“„Das verstehe ich.“„Vielleicht hören wir für heute auf.“

„Ja vielleicht.“

„Hausaufgaben hast Du?“

„Ja.“

Die Luft schneidet mit Schwefel in Nase und Rachen. Ich will nicht atmen. Ich bin barfuß. Ich schaue an mir herunter, während ich meine Zehen bei jedem Schritt in glutheißen Staub vergrabe. Ich bin nackt. Das habe ich nicht gewusst, dass ich nackt bin. Nackt sein muss. Links von mir, bloß einen Schritt zur Seite, fällt der Boden ab. In einer steilen Linie ohne jede Brechung, gezogen, geschnitten mit Werkzeugen, stürzt, fließt das Schwarz den Abhang herunter. Zwischen Gestrüpp und Nebel verliert sich der Sturz. Rechts von mir die gleiche Linie. Kürzer zwar, in einem Krater aus Dampf, Geröll und Glut. Auf dem Grat, schmal genug für mich allein, taste ich bei jedem Schritt nach der Frage, von der ich weiß, dass sie mir am Gaumen klebt. Ich bekomme sie nicht auf die Zunge. Ich muss sie aber schreien können. Schreien, damit die Figur aus Strichen, die vor mir zwischen Dampf und Qualm den gleichen Grat entlanggeht, sie hören kann. Sie, nur sie, darf die Frage hören. Deswegen sind wir beide hier. Am letzten Ort, an dem wir uns noch begegnen. Ich höre dich. Du rufst etwas. Nach vorne. In den Dampf. Das Grollen aus dem Krater rechts von uns, das Zischen der Lava, zerschneidet deinen Ruf in Wortgeröll. Meine Sohlen brennen als ich schneller laufe, näher zu dir, auf deinen Rücken aus Strichen zu. Ich will hören, was du rufst. Ich weiß, Du antwortest auf die Frage, die ich nicht abgelöst bekomme. Ich weiß auch, würde ich dich oder Du dann doch meine Frage hören, auf die Du vor mir deine Antwort brüllst — wir würden beide stürzen. Nach links oder nach rechts, aber sicher ins Nichts. Bevor Du deinen Kopf ganz zu mir nach hinten drehst, spuckt Lava nach dir und deine Figur aus Strichen zerfließt im Schwarz.

Benn wachte auf. Aus einem Traum. Gleichzeitig unsicher, ob er geschlafen hatte. Es war ihre Stimme in seinem Ohr gewesen. Ihr kehliger Klang. Ihre Zunge, ihr Saft auf seinem Bauch. Er wachte auf, irgendwo zwischen den Zeiten. Das Zimmer war tiefschwarz. Neumond. Sie war da. Ihr Blick, ihre Lust, die gleich wieder hochkochen konnte, lag schwül im Zimmer. Eine ermordete Liebe schmeckt nach faulem Obst. Benn drehte sich wieder in seiner Decke ein.

Stunden später schrillte auf seinem Telefon eine Erinnerung. „Deadline“ stand da. Er starrte auf die Mitteilung. Sein Mund schmeckte, als hätte er um fünf Uhr morgens den Boden einer Kneipe geleckt. Er konnte nicht sagen, wie er ins Bett gekommen war und auch nicht, wem die Beine neben ihm gehörten. Er legte das Telefon weg und schlug die Decke zurück. Die Beine gehörten zu einem Po, der ihn fröhlich anstrahlte. Darüber kamen ein Rücken und ein Reigen wilder Locken. Benns Haut klebte. Er versuchte aufzustehen. Zwischen den Locken grunzte es. Schnell versuchte er aus dem Zimmer zu kommen, von dem er dachte, dass es seines war, sein musste, auch wenn es gerade schwankte und die Wände auseinander glitten wie Gelee. Im Bad schlug er vor der Kloschüssel auf und kotzte die letzte Nacht aus. Er duschte. Heiß, dann kalt, dann wieder heiß, putzte sich die Zähne, schrubbte die Zunge, rasierte sich, rieb sein Gesicht mit Aftershave ein, bis unter dem Grau wieder etwas Rosa aufstrahlte. Als er aus dem Bad kam, war das Bett leer. Die Erinnerung mit dem Text „Deadline“ meldete sich wieder und wieder schob er sie zur Seite. Er frühstückte, las Zeitung und bemerkte plötzlich, dass er sich irre wohl fühlte. Benn entschied sich, schwimmen zu gehen. Hinter der Erschöpfung tauchte Energie auf und trieb ihn nach draußen aufs Fahrrad. Im Schwimmbad blieb er im Wasser, bis seine Muskeln vor Anstrengung zitterten. Zurück in der Wohnung, ignorierte er die Erinnerung auf seinem Telefon erneut, fiel ins Bett und schlief zum ersten Mal seit Wochen.

Wieder peitschen Zweige über meine Flanken. Wieder spritzt Schnee unter meinen Hufen, wieder leihe ich mir diesen Körper. Ich weiß, ich bin bloß geduldet in den Muskeln, die sich strecken und dehnen, die sich anspannen und lösen. Dennoch geht kein Schritt der rasenden Wendungen zwischen Bäumen, Unterholz und Sträuchern daneben. Ich strauchele nicht in dem Körper, dessen Kraft ich für eine Nacht gebrauche. Es gibt keine Zweifel an der Richtung, so tief die Nacht auch zwischen den Stämmen nistet. Im Schnee ist der Mond und das genügt, das genügt für das Rennen, das ich machen muss. Das ich gewinnen muss, um mehr Momente zu haben, in denen wir am See stehen, jeder an seinem Ufer, das Geweih senken, den Blick über den Wasserspiegel hinweg im Auge des anderen verhakt, unsere Nüstern eintauchen und wir trinkend Wellen schlagen, die sich fortlaufend auf halbem Weg begegnen und sich dann, endlich, dein Wellenkreis in meinem bricht.

Erst am nächsten Morgen weckte ihn der Alarm. Wieder mit dem Text auf dem Bildschirm. Und als Benn dieses Mal auf das Telefon schaute, fühlte er, wie etwas in seiner Erinnerung einrastete. Sofort wurde ihm wieder schlecht. Wieder sprang er hoch, die Wände des Zimmers bewegten sich wie Gelee auf ihn zu. Im Bad fiel er hin und kotzte sich die Erkenntnis aus dem Leib. Er duschte. Heiß, kalt, heiß. Schrubbte sich die Zunge. Rieb sich mit Aftershave ab, bis er rot glühte. Nach drei Espressi stand er rauchend auf dem Balkon.

„Idiot! Idiot! Du beschissener Idiot!“ Er brüllte seinen Selbsthass in die Morgenluft. Es dauerte eine Weile, dann öffnete sich gegenüber ein Fenster und ein stoppeliger Männermund schimpfte in breitem Dialekt, stellvertretend für die gesamte Wiener Schläfrigkeit: „Geh schoissn oder leg di zum sterbn ab, aber loas mia mein Schlaf, du Arschloch.“

Wieder drinnen, wühlte Benn um seinen Schreibtisch herum. Dann suchte er im ganzen Zimmer, im Flur und schließlich fand er den Ordner, einen dicken grauen Leitz Ordner, vollgestopft mit Anschreiben, Lebensläufen, Motivationsschreiben und Adressenlisten hinter der Waschmaschine. Für einen Moment blitzte die Hoffnung auf, auch das Marmeladenbrot im Spalt zwischen Wand und Waschmaschine zu entdecken. Wäre dem so gewesen, dann hätte er beruhigt weiter Dinge verlieren können, denn jetzt kannte er den Ort, an dem sie immer wieder auftauchten. Aber er sah bloß Staub und es blieb eine weitere ungelöste Frage zurück, wieso der Ordner hinter der Waschmaschine lag. Im Ordner fand Benn die Liste, auf der Liste den Namen und daneben die Telefonnummer. Er bettelte, flehte und schimpfte, aber es blieb dabei: die letzte Chance auf eine Perspektive, auf ein Vorwärtskommen und Einkommen, war trotz aller Anstrengungen und Vorkehrungen letztlich doch in Bierdunst aufgegangen. Dabei war er sich so vorausschauend vorgekommen, als er den Ordner angelegt hatte, bloß um einen unerwarteten Hirntod seines Computers vorzubeugen. Auf keine Bewerbung war bisher eine positive Antwort gekommen. Keine Aushilfsstelle, kein Volontariat, nicht mal ein Praktikum. Und jetzt war auch die letzte Frist verstrichen, daran noch etwas zu ändern. Da war nichts. Ihm blieb die Wohnung, als Ruine, als Rückzugsort in eine andere Zeit, aus der er zwar gefallen war und doch immer noch versuchte, wieder zurückzugehen, unfähig, einen Ausweg aus den süßlich ätzenden Erinnerungen zu finden.

Der Unterrichtsraum war wie alle anderen eingerichtet. Mit dem Unterschied, dass ein Computer auf dem Tisch stand. Der nächste Kurs fand online statt. Die Teilnehmerin, eine Amerikanerin, arbeitete für Amazon und es war „super practical“ für sie, da sie es liebte auch den Sprachkurs in „home, sweet home“ abhalten zu können. Marina lehnte sich zurück und schloss die Augen. Der Unterricht mit Amanda war immer etwas speziell. Nach neunzig Minuten vor dem Monitor fühlte sie sich so erschöpft, wie sonst nach vier Stunden in einem Integrationskurs mit fünfzehn Teilnehmern. Bevor sie sich entspannen konnte, ploppte im Programm für das Meeting die Nachricht auf, dass die Schülerin darauf wartete, das virtuelle Klassenzimmer zu betreten. Nach einem tiefen Atemzug ließ Marina sie eintreten. Sofort riss sie sich das Headset wieder von Kopf. Cerberus, Ambers französische Bulldogge, kläffte, als hätte sie gerade in einem Moment der Reflexion die völlige Degeneration der eigenen Art erkannt.

„Cerberus, say hi!“ Amber hielt Cerberus vor die Kamera. Mit abstrus quellenden Augen kläffte das Tier weiter gegen den Eindringling auf dem Bildschirm an und Frauchen lachte in der Sicherheit ihrer Wohnung im gleichen Rhythmus mit ihrem Wächter.

Marina wünschte sich Kinder zu unterrichten und das Recht, Hund und Schülerin anpfeifen zu dürfen. Stattdessen beobachtete sie, wie ihr eigenes Gesicht sich in dem Videoausschnitt oben rechts auf dem Bildschirm zu einem Lächeln durchkämpfte.

„Hallo Amber, Hallo Cerberus…was bist Du…süß. “„Oh, he is sweet. You know, he is very happy today. We solved his indigestion. So, he did a nice poo this morning and made Mami proud. “„Oh. Das ist ja eine tolle Neuigkeit. Das freut mich, dass deine Töle wieder ordentlich kacken kann. Thanks for sharing. Hast Du die Hausaufgaben gemacht?“

„What did you say?“

„Ich habe gefragt, ob Du die Hausaufgaben gemacht hast.“„No, before that? “

„Oh, nichts wichtiges. “

„Ok the homework. I tried. But it was so difficult. So i stopped trying.“

„Aber Amber, wir haben das geübt. Du kannst das doch. “„No. I can´t. I need help. “

„Gut. Gut. Das schauen wir uns gleich an. Aber zunächst: bitte Amber, antworte mir auf Deutsch. Ja?“

„I can´t.“

„Doch. Das ist seit zwei Monaten das gleiche. Ich muss dich fünfzehn Minuten bearbeiten und plötzlich sprichst Du. Das ist ab jetzt deine Aufgabe.“

„Why are you so mean today? “Amber zog den Mund zusammen und Cerberus bellte.

„Und Amber bitte! Kann der Hund nicht ins Nebenzimmer?“ Marina spürte, wie Nadeln ihre Augäpfel von innen traktierten.

„No. I told you. He is lonely than. And mami is said when her baby is lonely. “„Aber dann muss er still sein. Bitte.“

„Cerberus, silent now. Teacher is angry today. “

„Wir gehen im Buch auf Seite vierundfünfzig bitte.“

Für eine knappe Stunde arbeiteten sie. Dann warf Amber den Stift zur Seite.

„Marina there is no sense in learning German. “„Of course not. It’s a ridiculous language. But you need it. Your Job needs you to learn it. “„No. Not anymore. They´ve decided to send me to Madrid. So i have to learn spanish now.“

„But thats — die können dich doch nicht einfach herumschicken! Du bist gerade mal ein halbes Jahr hier. Was ist das denn? Da musst Du dich aber wehren. Das geht so nicht. “

„No Marina, breathe baby. I like Spain. I never visited, but I feel, I’ll like it. Nice people, nice, weather, nice food…. “„You feel? Sorry, but — und was ist, wenn die dich nicht nach Spanien, sondern nach…Thailand schicken?

„Than i go.“

„Aber….“ Marina kippte in ihrem Stuhl nach hinten gegen die Lehne. „Was ist mit deinen Freunden hier? Du hast erzählt, du hast Freunde, deine Nachbarn…“

„Yeah, you know, you find people everywhere. “

Martina sog die Luft ein, hielt sie an und entschied sich: die Beiläufigkeit, mit der Amanda in ihre Versetzung einwilligte, berührte plötzlich schmerzhaft ihr eigenes Gefühl, selbst keine Bindung zu haben, selbst völlig unverankert zu sein. Es kam Marina so vor, als ob die Dinge nicht mehr antworten würden. Von ihrer Wohnung ging nicht mehr diese Wärme aus, die sagte: hier, nur hier bist du zu Hause. Von den Straßen, den Cafés, den Parks, empfing sie keine Signale mehr und in ihr antwortete auch kein Gefühl, wenn sie die vertrauten Straßen entlangging. Es erschien ihr ganz gleich, wo sie lebte, wo sie eine Wohnung beziehen und arbeiten würde. Sie würde überall auf dieselbe Art unveranktert bleiben und nur wieder feststellen: die Dinge antworten nicht mehr. Ihr eigenes Leben war nicht weniger versandfertig als Amandas Box mit Headset, Monitor und Hund.

Vielleicht, dachte sie, während sich Amanda sich weiter laut ihr neues Leben in Madrid ausmalte, ist das das ehrlichste Eingeständnis einer Welt gegenüber, die ihre Gestalt in Sprache, Form und Geschmack verändert, der Einfluss auf einen selbst dabei aber begrenzt bleibt. Andersherum wäre die Sehnsucht nach Verortung, die Verweigerung, Amandas Lebensmodell in seiner Warenhaftigkeit als allgemeingültig zu akzeptieren.

„Unser Unterricht ist also vorbei, willst Du mir das sagen?“

„But of course, sweetheart. Why should I continue with German when I need Spanish now? “

„Also waren zwei Monate umsonst.“„Nothing is ever senseless. I´ve learned so much. “„Das sehe ich anders. Dein Deutsch ist grottenschlecht. Immer noch.“„Why are you like that? That’s not fair. Don´t give me that energy. You are frustrated about where you are in life, that’s totally ok, but don´t put it on me, don´t do that, I always thought you are a great teacher and a lovely person, so don´t act, as if you were not, I want to say goodbye and wish you all the best… “„Hör schon auf! Würdest Du meine Arbeit wirklich schätzen, hättest Du gleich am Anfang gesagt, dass Du aufhören wirst und nicht erst, wenn Du keine Lust mehr hast.

„What did you say? You speak to fast — I couldn´t … “„You got me very good. Bye bye Amber. Have a nice time in Spain.“ Marina drückte „das Meeting für alle beenden“ und starrte auf den leeren Desktop.

Ich höre dich. Jeden Schritt, den du tust. Mein Ohr kann mir sagen wann Du kommst, aber nicht, was du tun wirst. Geblendet hast Du mich. Kettenglieder durch mein Fleisch gejagt, mich auf gehangen an brennenden Wundrändern, mich gepeitscht und mich hungern lassen. Was wirst Du diesmal tun? Mich befreien? Den Stein, den Bolzen, den Du lachend, nackt, gebadet in Blut, Schlag für Schlag durch meinen Fuß getrieben hast, den wieder hervorziehen? Dann kommst Du. Erde im Haar und auf den Lippen. In deinen Augen sehe ich: es ist dein letzter Besuch. Deine Brust steht wie meine weit offen. Deine Haut ist wie meine übersäht von Wunden. Unsere Herzkammern schlagen dicht an dicht noch einmal den gleichen Takt unter aufgerissenen Rippenbögen. Wer tut es? Wer greift hinüber in die Brusthöhle des anderen und hält es an, das stotternde Metronom der gemeinsamen Zeit. Deine Finger greifen um das Herz, das Du so gut kennst. Ich halte deines schlagend fest. Wir knien im Bau unter der Erde. Blutig verschmiert, die Hände in Brusthöhlen verankert und warten.

Benn fror. Obwohl die letzte Septemberwoche voll war von einem fetten Nachgeschmack des Sommers. Er lief schnell und erwischte gerade noch den Bus. Für Momente döste er während der Fahrt weg. In jeder Kurve, bei jedem Abbremsen knallte sein Kopf gegen die Fensterscheibe. Von der Haltestelle bis zum Lagerhaus war es dann nicht mehr weit. Mit jedem Schritt, den Benn zu seinem neuen Arbeitsplatz machte, verabschiedete er sich weiter von den Ideen zu einer Publikation oder eines Stipendiums und fügte sich in die Realität seines Vertrages mit der Zeitarbeitsfirma. Seit zehn Tagen fuhr er jeden Morgen zu dem Schuhkarton, dem es durchs Dach regnete. Die darunter gelagerten Teebeutel, Tütchen und Säckchen konnten das nicht ab, die Lecks im Flachdach mussten also geschlossen werden. Dachpappe zu verlegen, erschien Benn als eine seltsam befriedigende Arbeit. Er rätselte ob es der Geruch brennenden Teers, oder ob es die Formen waren, die entstanden, wenn die Pappe festgedrückt wurde und die schwarze Masse an den Seiten hervorquoll, die ihm die Befriedigung verschafften. Oder sie kam durch den Schmerz, den er empfand, wenn Tropfen heißen Teers sich durch die Handschuhe und in die Haut brannten. Die Handschuhe waren ohnehin mehr als Geste der Verantwortung zu verstehen, denn als brauchbares Arbeitsmittel, um Brandblasen zu verhindern. Ihr Material und die Verarbeitung waren derart schlecht und billig, dass sie schon nach einer Woche in Fetzen um Benns Hände schlackerten.

Neben Benn arbeiteten noch Dave und Hermann auf dem Dach des Lagerhauses einer Teefabrik. Hermann war Zimmermann gewesen. Und obwohl er vor Schmerzen in den Gelenken kaum die Leiter hochkam, sagte er sobald er oben war: „Hier gehöre ich hin.“ Körperlich war er längst in Rente. Aber da hielt er es nicht aus und mit dem Geld war es auch nicht gut. So ging es jedem der Drei. Das Dach brachte sie zusammen. Es war nichts Aufregendes an dem Dach: ein Flachdach, aus dem zwei Brandmauern ragten. Um an ihren Arbeitsplatz zu gelangen, mussten sie aus dem vierten Stock des Nachbarhauses etwa zwei Meter über eine Leiter nach unten klettern. Nicht einmal die Aussicht war gut: bloß der Blick in Hinterhöfe öffnete sich und „Carlos Currywurst“ war gut zu sehen. Das hatte den Vorteil, dass Benn von Dave nur dann für Kaffee und Würstchen nach unten geschickt wurde, wenn nicht gerade die Schneiderei und die Tischlerei nebenan Mittagspause machten. Irgendwie war es so gekommen, dass Dave in der Gruppe sagen konnte, was wann und wie gemacht wurde. Nichts qualifizierte ihn dazu. Er tat es einfach. Das Regelwerk der großen Politik hatte sich auf den Kosmos der Gruppe auf dem Dach übertragen und Dave, Dave mit dem Krokodilgesicht konnte über Hermann und Benn bestimmen. Sein Machtbereich erstreckte sich über das Dach bis runter zur Würstchenbude und endete mit Feierabend. Benn hatte sich der Realität gefügt, dass er nichts über Dachpappe gewusst hatte und seine Hände nach einer anderen Art Arbeit aussahen, Dave also als Stellvertreter einer ganzen Schicht, die Gelegenheit nutzen konnte, einem aus dem Elfenbeinturm Akademie Anweisungen zu geben.

Benns Vertrag mit der Zeitarbeitsfirma war auf vier Wochen begrenzt. Bei täglich acht Stunden, würden am Ende eintausendreihundertsechzig Euro auf sein Konto überwiesen werden. Das würde nicht reichen. Für gar nichts. Er erarbeitete sich bloß etwas Zeit. Vier Wochen von Teer verbrannt und von der Sonne gegrillt, um dann wieder nach Türen in die Hallen der Kopfarbeit zu suchen. Benn träumte vor sich hin, während er die Flamme des Bunsenbrenners auf Dachpappe und das mit Teer bestrichene Dach vor sich richtete. Hermann kniete, rollte die Pappe ab und drückte sie fest. Er schniefte Rotzfäden zurück in die Nase. Von Anfang an hatte er die Aufgabe übernommen, die eigentlich Benns sein müsste: kniend, dicht an der Hitze von Flamme und Teer, mit den Fingern in der glühenden Masse. Gleich am ersten Tag hatte er sich mit den Knien voran auf das Dach geworfen und seitdem nichts an der Arbeitsteilung geändert.

Wir fallen. Meine Nase in deinen Hals vergraben, ist es mir gleich, ob oder wie wir aufschlagen.

Den Abendkurs danach hatte sie irgendwie überstanden. Aber natürlich war die Pädagogische Leitung noch aufgekreuzt, weil Amber sich beschwert hatte. Sie hatte zugehört, sich entschuldigt, die Schultern über die Ohren gezogen und war aus der Schule geschlichen. An der ersten Ampel schlug sie mit der Faust auf den Lenker.

„Scheisse!“

Sie stieg ab, drehte um und fuhr in die entgegengesetzte Richtung. Sam wartete. Sam hieß eigentlich nicht Sam. Er war ein ehemaliger Schüler von ihr aus Indien. Sie hatte so oft seinen richtigen Namen geübt, bis er ihr gesagt hatte, dass ihre Aussprache, seinen Ohren wehtat. Seitdem musste sie ihn Sam nennen, auch wenn sie sich schämte, den Namen nicht aussprechen zu können. Ihr Knie schmerzte, während sie versuchte schneller zu fahren. Sam wartete in seiner Wohnung am Stadtrand mit den drei Töchtern. Die Frau und Mutter war gestorben, Sam hatte eine kaputte Wirbelsäule, konnte deswegen nicht arbeiten, lebte von Grundsicherung, war depressiv und konnte nur hoffen, dass seine Töchter ihn nicht hängenlassen würden. Die drei waren unfassbar klug, ehrgeizig und dazu noch wunderschön. Sie hielten als Familie schon irgendwie zusammen, aber dem Vater Deutsch beizubringen war zu viel. Sam hatte mittlerweile Angst vor der Sprache. Marina mochte Sam und mit den Schwestern hatte sie sich angefreundet. Aber alle, Sam eingeschlossen, wussten, dass der Unterricht zwecklos war. Zu viele Hoffnungen, Projektionen und mittlerweile eben auch Enttäuschungen und Ängste waren mit ihren wöchentlichen Besuchen verknüpft. Er hatte keine Chance mehr, die Sprache über ein gewisses Niveau hinaus zu lernen. Während Marina gegen die Zeit und ihre Schmerzen anstrampelte, dachte sie darüber nach, ob es nicht für alle eine Erleichterung wäre, den Unterricht abzubrechen. Sie konnte alle Erwartungen und Wünsche auf sich lasten spüren. Sie fühlte sich verantwortlich und wusste gleichzeitig, dass ihre Bemühungen zwecklos waren. Aber zur Ehrlichkeit gehörte auch, dass sie seit Monaten, bei jeder Fahrt zu Sams Wohnung, diese Gedanken hatte und es nie fertigbrachte sie auszusprechen. Verschwitzt drückte sie im Aufzug die 13.

Die Wochen waren für Benn in der Trostlosigkeit seiner Arbeit auf dem Dach vergangen. Seit Tagen dichtete er mit einer Masse aus Teer und Stahlwolle und anderen chemischen Bestandteilen, Risse und Löcher im Putz einer Mauer ab. Dafür hatten sie ein Gerüst vor der Lagerhalle aufgebaut und während seine Kollegen auf dem Dach arbeiteten, schmierte Benn literweise schwarze Paste auf weißen Putz. Alles war gleich: jeder Handgriff, jeder Tag, sogar der Himmel blieb unverändert blau und hart. Der Sommer wollte nicht gehen. Obwohl die Halle alt und löchrig war, stand sie fest an ihrem Platz. Das Gerüst war jeden Tag an der gleichen Stelle, der Eimer, der Pinsel, die Kelle, die Handschuhe — alles war morgens da, wo Benn es abgelegt hatte. Jeder Handgriff war eine Absage an die Ziele, die ihn wochenlang, jahrelang angetrieben hatten. In jedem Tag gab es jetzt diese Löcher, in denen er mit Pinsel und Eimer verschwand und erst Stunden später, zum Mittag oder zum Feierabend wieder aus ihnen auftauchte.

„Junge! Mittag!“ Dave schlug oben mit einem Schraubenzieher gegen eine der Verstrebungen am Gerüst. Das Signal war vor Tagen so etabliert worden und der Schraubenzieher lag nur zu dem Zweck an der Dachkante, damit Dave seinen Befehl hämmernd bekräftigen konnte.

Bei „Carlos Currywurst“ war nicht viel Betrieb. Dave hatte ihn rechtzeitig losgeschickt. Wie jeden Tag kaufte Benn drei Kaffee schwarz, in Plastikbechern, nahm dreimal Zucker und drei Plastiklöffel, steckte die Becher in ein Tragegestell aus Pappe, stopfte Zucker und Löffel dazu, bezahlte und ging zurück zur Lagerhalle, um die Lieferung aufs Dach zu bringen. Kaum war er oben und hatte Dave und Hermann ihre Becher gegeben, kehrte er wieder um und ging zurück zu „Carlos Currywurst“. Es war ihm unerträglich, auf dem Dach zu sitzen und dem Schweigen zu lauschen, das nur unterbrochen wurde, wenn Hermann sich die Nase frei rotzte oder Dave Tagespolitik kommentierte. Seine Einstellung und Meinung war gestochen scharf: in einer der ersten Mittagspausen hatte er Benn den Kaffee abgenommen und gefragt, was er über den Cum — Ex Skandal wisse.

„Typisch“, hatte er gesagt, als Benn nicht mehr als ein paar Informationsbrocken zusammenbekam. „So viel studiert und nichts kapiert!“ Und dann hatte er in geraden Sätzen den ganzen Skandal analysiert.

„Alle reden davon, wie teuer der Klimawandel wird. Alle sagen, das Geld reicht nicht für wirkliche Veränderung. Aber keiner traut sich den Dieben die Eier zu frittieren und ihnen die Beute wieder abzunehmen. Sag mal was dazu!“ Dave hatte dann einen Eimer über das Dach gekickt und Benn hatte bloß seine Zustimmung in den Filterkaffe gemurmelt. Hermann sagte für gewöhnlich nichts. So verliefen die Pausen zwischen Schweigen, Daves Meinungsausbrüchen und Hermanns tropfender Nase. Heute, in der vorletzten Pause, bevor Benns Zeit auf dem Dach vorbei sein würde, war das Schweigen ein Teppich schwüler Luft, der zwischen ihnen waberte. Benn trank seinen Kaffee stehend und verließ das Dach. Einzig Kartoffelpuffer mit Apfelmus konnten den Tag noch retten.

„Carlos Currywurst“ hatte zum Glück alles: Wurst natürlich, Pommes, Kaffee, Kuchen und Kartoffelpuffer. Benn stellte sich an einen Tisch und zog die Gabel mit einem Stück aus dem Puffer durch das Apfelmus. Kurz dachte er an das verlorene Marmeladenbrot und lächelte, als er zu dem Mus und dem Kartoffelpuffer auf seiner Zunge sagen konnte: „Euch verliere ich nicht.“

Der Teller war leer und als Benn die Gabel auf den Teller und das Messer quer darüberlegte, kam jemand und bestellte einen Kaffee mit viel Milch und viel Zucker.

„Lars?“ fragte Benn.

Es war Lars.

„Hallo Benn,“ sagte Benn und kam an dessen Tisch, als hätten sie erst gestern Schach am Fluss gespielt.

„Ah, die Puffer sind der Wahnsinn. Die können einem echt den Tag retten.“

„Was glaubst Du woran das liegt?“

„Ich glaube es ist die Mischung: der Puffer ist kross außen und heiß und das Apfelmus ist kalt und süß und weich. Salzig und süß trifft da auch aufeinander. Das ist, wie wenn Du richtig dicht bist und dir Schnee ins Gesicht reibst, oder wenn Du zu lange geschlafen hast und dann eine kalte Dusche nimmst. Nachher fühlst Du dich einfach gut.“

„Das kannst Du doch nicht mit Puffern und Apfelmus vergleichen. Das sind völlig andere…“

„Kann ich wohl.“

„Kannst Du nicht.“

„Doch. Kann ich.“

„Schön, dich zu sehen.“

„Schön, dich zu sehen.“

„Wieviel Zucker ist überhaupt in deinem Kaffee?“

„Halb halb.“

„Das ist eklig.“

„Der Kaffee ist für sich schon eklig.“

„Woanders würde ich den nicht runterbekommen.“

„Aber hier darf er nicht gut schmecken.“

„Nein, darf er nicht.“ Sagte Benn mit dem Gewicht, wie ein Amen. „Wie geht es dir?“ Fragte er dann.

„Nicht gut. Überhaupt nicht gut. Aber so muss es sein. Ich bin nicht fürs Glück gemacht. Das ist niemand auf lange Sicht. Glück ist kostbar und selten“„Was machst du so?“

„Nichts. Was soll man mit Zeit auch schon anfangen? Ich lebe halt. Wie geht es dir?“

Benn erzählte kurz von Trennung, Jobsuche, Zeitarbeit und dem Gefühl, keinen Bezug mehr zu nichts zu empfinden.

„Das ist alles gleich. Ich schmecke keine Unterschiede mehr, weil überall nur ich bin. Da ist überall nur mein eigener, madiger, überspannter Schweißgeruch. Ich finde keinen Punkt mehr draußen, an den ich mich halten könnte oder auf den ich mich beziehen könnte.“

„Fahr doch mal weg.“

„Wieso das denn? Ich glaube nicht daran, dass ich anders empfinden würde, wenn ich woanders wäre. Ich werde mich doch nicht los, nur weil ich in einen Zug steige oder ein Flugzeug nehme.“„Naja, das stimmt wohl.“ Lars nickte. „Ich will eigentlich gar nichts. Ich will bloß so meine Zeit haben. Viel älter werde ich sowieso nicht mehr. Für mich gibt es keinen Platz. Ich bin paradox. Ich tauge höchstens als Vorlage für eine Romanfigur. Aber auch da ist die Zeit falsch. 19. Jahrhundert, da würde ich wohl irgendwie passen. Naja. ich muss mal weiter.“

„Wohin musst Du denn?“

„Auch wer nichts tut, hat Verpflichtungen.“ Lars lächelte und ging. Vor der Kreuzung drehte er sich nochmal um und streckte seine Hand in Benns Richtung.

„Companero,“ rief er und schüttelte die Hand in der Luft.

„Companero,“ sagte Benn und streckte seine Hand ebenfalls aus.

Mitten in der Nacht wachte Marina auf. Sie hatte geträumt. Wieder den gleichen Traum wie in so vielen Nächten: sie war wieder als Reh durch einen Wald zu einem See gelaufen. Ihr Handy klingelte. Davon war sie wachgeworden. Auf dem Bildschirm stand: Benn ruft an. Marina setzte sich im Bett auf und nahm das Telefon in die Hand.

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