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Erledigt In

Erdbeere-Senf

Leon Ospald 
Photo Leon Ospald

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Die Schlange ging bis runter zum Brunnen. Es warteten sicher zwanzig Kunden, alleine oder in Grüppchen darauf, ein Eis zu kaufen. Silvia dehnte kurz ihr Handgelenk und griff dann wieder zum Eislöffel. Seit fünf Stunden, seit sie das Eisfenster geöffnet hatte, riss der Strom der eisgeilen Mäuler nicht ab. Mittlerweile stand sie auf Krümeln zerbrochener Waffeln, die Fliesen waren glitschig vom Fett der tropfenden Sahnemaschine und sie sah keine Lücke kommen, um ins Lager zu witschen und Nachschub an Schokolade, Mango und Lakritz zu holen. Ganz egal welche Sorte, langsam wurde alles knapp. Sie war aber allein in der Schicht, da Wochentags, normalerweise nicht so viel Betrieb, mit nur einer Kraft kostensparend zu bewerkstelligen. Nur heute hätte man zu dritt arbeiten können: zwei an den Eislöffeln, Nummer drei an der Kasse und immer abwechselnd jemand als Läufer für Sahne und Nachschub und zum durchwischen zwischendurch. Es musste alleine gehen.

Noch drei, dann muss ich ins Lager, dann müssen die halt warten, sagte sich Silvia. Aber sie kam nicht dazu. Zu dicht prasselten die Bestellungen hintereinander auf sie ein. Sie kratzte von überall Eis zusammen und plötzlich, vielleicht war eine halbe Stunde vergangen, vielleicht auch mehr, schaute sie hoch, in Erwartung einer weiteren Bestellung- und die Schlange war weg. Sie stand auf einem Schlachtfeld aus Waffeln, abgestürzten Eiskugeln und Häufchen abgetropfter Sahne.

Die Göttin der Dienstleister, der Unterbezahlten und der Gestressten hielt ihr mit einem günstigen Wind die Kunden vom Hals und blies jedem den Gedanken an ein Eis für einige Minuten aus dem Kopf. Die Zeit reichte aus: mit brennenden Armen schleppte sie Eis in Behältern aus Edelstahl aus dem Gefrierer im Lager nach vorne, spülte die Sahnemaschine einmal mit Wasser durch und schrubbte den Boden und zählte die Kasse. Für den Moment vollkommen zufrieden lehnte sie sich gegen die Wand. Die letzten Stunden ihrer Schicht konnten kommen. Vor ihr strahlten wieder sechsundzwanzig Eissorten in frischer Saftigkeit. Wenn jetzt nicht wieder ein Massenandrang auf sie zu kam, könnte sie den Feierabend halbwegs entspannt angehen.

Vom Brunnen kamen die nächsten Kunden: ein Mann mit drei Kindern. Er mit Vollbart, Sonnenbrille, leichtem Jackett in hellblau, darunter weißes T-Shirt und eine Stoffhose in Grün. Die Kinder fast so stylish wie Dad, in leichten Übergangs Jäckchen, und — Schühchen und Cord — und Stoffhosen. Alle drei mit Sonnenbrillen und Frisuren wie frisch vom Friseur. Poliert und geschniegelt kamen sie auf Silvias Eisfenster zu. Sie rannten nicht, wie jedes normale Kind rennen würde, wenn es um Eis ging, sie liefen, gelassen wie Dad.

Sicher nicht alles seine, dachte Silvia, zu dem Lifestyle passt bloß ein Einzelkind.

„Dann sucht euch mal was aus,“ Dad fingerte schon ein I-Phone aus der Innentasche. „Für jeden drei Kugeln in der Waffel,“ sagte er noch zu Silvia und drehte sich dann um, das Handy schon am Ohr.

Perfekt, dachte Silvia, das wird eine Katastrophe.

Sie arbeitete lange genug als Eisverkäuferin, um zu wissen, was passieren würde, wenn drei zwei- bis vierjährige aus sechsundzwanzig Eissorten drei Kugel auswählen sollten. Das Problem war, da waren alle Kinder gleich, egal ob in Markenkleidung oder Second — Hand, sie wollten natürlich alle Sorten und nicht bloß drei. Mittlerweile hatte sie ihre Strategien entwickelt, um diese Situation zu bereinigen und im Sinne aller, der Eltern und der weiteren Kunden, möglichst schnell abzuwickeln. Aber es warteten keine Kunden. Außerdem lag in den aufgezwirbelten Bartenden von Daddy eine Verachtung Silvias und ihrer Funktion als Verkäuferin gegenüber — oder nicht einmal Verachtung: sie war egal, vollkommen austauschbar und gesichtslos. Diese Bartenden, diese spitzen, gezwirbelten Bartenden machten das Maß an Arroganz voll. Also entschied sie sich und ließ der Katastrophe ihren Lauf.

Die drei, zwei Jungs und ein Mädchen, standen auf der Stufe vor der Kühltruhe, die Hände gegen das Plexiglas gepatscht, Augen und Mäuler aufgerissen, hypnotisiert, paralysiert im Angesicht des unerreichbaren Schlaraffenlandes aus sechsundzwanzig Eissorten. Und sie Silvia war der Engel in diesem Paradies. Sie und ihre Eiskelle konnten Seligkeit verteilen oder verweigern und dazwischen lag der schreckliche Schritt der Entscheidung. Dieser furchtbare Ausschluss von dreiundzwanzig Geschmackseskapaden, diese wahnwitzige Klinge, auf der nur balancieren kann, wer Möglichkeiten ausschließt, um sein persönliches Paradies in bestimmten Geschmacksrichtungen zu finden, eben weil die bestimmten nicht irgendwelche sind, sondern weil sie himmlisch durch eine Entscheidung geworden sind. Arme Kinderköpfe! Hände und Zungen wollen sich durch das Plexiglas schmelzen und in Eiskübeln schwelgen, aber über allem schwebt Daddys Wort und die Zahl drei. Drei. Das ist unfassbar viel: dreimal aus sechsundzwanzig wählen müssen, welche Marter, welch Qual und dann ist drei aber auch nur drei, angesichts dieser sechsundzwanzig unberührten, unschuldigen Eissorten. Von vegan über handgemolken bis herbei — gebetet, sprengen sie jede Vorstellung von Eis, den ein zweijähriges oder dreijähriges oder vierjähriges Kind haben kann und werfen ihm eine Kostprobe des Nirwanas vor die Zunge. Aber es bleibt dabei: drei Kugeln pro Kopf.

Silvia wirbelt die Eiskelle ihren Händen.

Photo Leon Ospald

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„Habt ihr euch entschieden?“ Sie erschrak fast ein wenig über die Gemeinheit ihrer Frage. Sie stellte drei Eiswaffeln in die Halterung auf dem Eiskühler. Und diese Geste war das Signal: die Kinderlippen bebten, die Augen schossen panisch von Silvias Gesicht zu der Eiskelle und über die Auswahl vor ihnen.

„Ich will, ich will, ich will…“ das Mädchen machte den Anfang. Gleich eiferten die Jungs ihr nach und im Chor stammelten sie ihr „ich will“. Dabei blieb es.

Silvia drehte die psychischen Daumenschrauben weiter zu: „wir haben Mango, Maracuja, Erdbeere, Banane, Kiwi, Heidelbeere, Schokolade, Kakao, Zartbitter, Kirsch, Cookie, Brownie, Sahne — Kirsch, Haselnuss, Walnuss, Pistazie, …“, weiter kam sie nicht, denn dem Kleinsten kullerten erst die Tränen, dann schluckte er heftig und schrie und heulte: „Ich will Eis.“

Daddy drehte sich um.

„Warte mal kurz,“ nuschelte er ins Handy und schlenderte zum Eisfenster.

„Was ist denn? Seid ihr immer noch nicht fertig? Mami wartet doch.“

Das gab der kindlichen Fassung den Rest: Entscheidung nicht getroffen, Erwartung nicht erfüllt, Daddy enttäuscht, Mami warten lassen — alle drei ließen jetzt Tränen kullern.

Silvia spürte, dass sie nicht weiter die Kinderherzen quälen konnte. Aber bevor sie Erlösung spenden konnte, musste Daddy ins Schwitzen kommen. Und Daddy tat, was er niemals hätte tun dürfen: er goss Öl ins Feuer der Entscheidungsfindung.

„Welche Sorten wollt ihr denn?“ Mit nur einer Frage steigerte er den Druck in Kinderköpfen und — Herzen bis kurz vor Kernschmelze. Die Antwort war ein langgezogenes Wehklagen aus den Tiefen dreier gepeinigter Seelen.

Silvia griff ein. Daddy hatte vor ihren Augen versagt und mehr hatte sie nicht gewollt. Jetzt musste er sie ansehen, ihr ein Gesicht geben und bezeugen, wie sie mit vollen Händen Erlösung spendete.

„Wollt ihr mal was probieren?“

Ihren Worten folgte Stille. Tränen wichen einem Strahlen. Stumm nickten drei Kinderköpfe. Schnell füllte Silvia kleine Kugeln von Zitrone, Erdbeere und Schokolade in einen Becher, steckte drei Löffelchen dazu und reichte die Gabe über den Eiskühler in glückliche Kinderhände.

„Das sind meine Lieblingssorten. Und auch die Leckersten die wir haben.“ Sie zwinkerte den dreien zu. „Ich glaube, wenn es so warm ist wie heute, kann man gar nichts anderes essen, als diese Sorten. Wollt ihr davon drei Kugeln?“ Und bevor das ganze Gewicht ihrer Frage in die Kinderherzen einsinken konnte, zog sie den Eislöffel schon durch die glatte, dunkelbraune Schokoladenmasse. Daddy beäugte sie, während drei prall gefüllte Eiswaffeln das Leiden der Kinder beendeten.

„Und für Daddy auch ein Eis?“ Silvia zwinkerte in den Vollbart hinein.

„Ja,“ sagte Daddy und zeigte in die äußerste Ecke der Auslage. „Ich hätte gerne eine Kugel Erdbeere — Senf.“

„Erdbeere — Senf habe ich heute leider nicht da.“„Da steht aber das Schild mit Erdbeere — Senf.“„Ja das Schild steht da, aber Erdbeere — Senf haben wir nicht.“

„Auch nicht im Lager?“ Daddy grinste schlau.

„Da müsste ich nachschauen.“

„Bitte. Tun Sie das.“

Erdbeere — Senf stand tatsächlich im Tiefkühler im Lager. Das Eis war allerdings so widerwärtig, dass ihr Chef es schnell aus dem Sortiment genommen hatte. Bloß das Schildchen hatten sie vergessen wegzunehmen.

Silvia schleppte den Behälter nach vorne und füllte dann eine Waffel mit Erdbeere — Senf.

„Im Becher bitte,“ sagte Daddy, als sie ihm die Waffel reichte.

Silvia füllte einen Becher, wortlos, reichte ihn in Daddys Hände und kassierte dann ab.

„Danke.“ Daddys Augen ließen sie nicht los. Er wusste, wie er seinen Abgang polieren konnte und musste. Und Silvia wusste, was kommen würde.

„Der Rest ist für Sie.“ Sagte Daddy und reichte einen Schein über den Eiskühler. Dann drehte er mit den Kindern ab und sie schlenderten in Richtung Brunnen davon.

Noch zwei Stunden bis Feierabend, Silvia lehnte sich an die Wand.

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