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Erledigt In

Nachtwache

syg.ma team

In diesem Text geht es um zwei junge Männer, die nachts arbeiten müssen. Ihre Aufgabe ist es, zusammen mit anderen, Messestände zu bewachen und sicherzustellen, dass nichts geklaut wird. Es ist kalt an ihrem Arbeitsplatz, der Boden ist zu hart um darauf zu schlafen und niemand würde jemals etwas stehlen wollen. Als wäre da noch nicht genug, müssen sie sich auf ihre Prüfungen vorbereiten. Sie werden Freunde und feiern schließlich ihre eigene Party in der Messehalle.

Residential area, Spasiyana Sergieva

Residential area, Spasiyana Sergieva

Felix warf das Buch zur Seite auf den Teppich. Es war drei Uhr in der Nacht. Sicher nicht die Zeit, um deutsche Kolonialpolitik im Kaiserreich zu lernen. Das würde sowieso nicht drankommen. Diesen Blinden Fleck interessierte niemanden, erst recht nicht in einer Abiturprüfung.

Um ihn herum war es dunkel. Wie auch nicht: in der Halle hatten nur einzelne Aussteller eine Nachtbeleuchtung brennen lassen. Und im Halbdunkel und mit der Langeweile einer zehnstündigen Schicht, konnte man auch bloß schlafen. Obwohl man dann Ärger bekommen konnte: in unregelmäßigen Abständen patrouillierte ein Sicherheitsdienst über das Messegelände und wer schlief und nicht die Messestände bewachte, wurde fies geweckt und außerdem noch aufgeschrieben. Angeblich konnte einem eine Strafe vom Stundenlohn abgezogen werden.

Am Nebenstand schnarchte Jürgen, ein mittfünfziger seelenruhig unter dem Schriftzug „Makita“. Und auf der anderen Seite, Felix direkt gegenüber saß Özkan und schaute „Transformers 3“. Sein Aussteller hatte ihm das W-Lan Passwort für den Stand dagelassen. Das war praktisch, weil Felix auch mal ins Internet musste und das schnelle W-Lan von Özkan anzapfen durfte, aber auch nervig, weil jeder zu Özkan kam, um ins Internet zu gehen. Die ganze Nacht über kamen sie angeschlurft, „um nur schnell mal was zu schauen.“ Der „Bosch“ Stand von Özkan war ihr Marktplatz geworden. Unmöglich, konzentriert zu lernen: ständig jubelte irgendeine Fußballmannschaft, oder Al — Jazeera oder BBC brüllten Nachrichten durch die Halle oder „Optimus Prime“ zermatschte seine Feinde, wie jetzt auf Özkans Handy.

Es war die dritte Nacht in Folge, in der Felix versuchte, seinen Lernplan einzuhalten. Zwei lagen noch vor ihm, dann war Prüfung. Er riss ein Blatt Papier aus seinem Heft, knüllte es zu einem Ball und warf es über den Gang nach Özkan. Der Papierball titschte glatt auf den Handy Bildschirm. Özkan grinste, winkte und kramte nach seinen Kopfhörern. Das Gute war, dass er das Gleiche durchhatte: fürs Abi lernen, während man Geld verdienen muss, weil die Familie sonst zu wenig hat.

„Klappt schon,“ hatte er gleich am ersten Abend gesagt, als Felix seine Bücher und Hefte ausgepackt hatte. „Du glaubst nicht, wie fit mein Hirn auf Adrenalin ist. Du darfst nicht zu viel lernen, sonst bist Du zu entspannt und das Adrenalin kickt nichts. Das brauchst Du aber. Ist der einzige ausgleichende Faktor bei sozialer Ungleichheit.“

Auch wenn es jetzt stiller war, lernen ging irgendwie auch nicht mehr. Felix stand auf und streckte sich. Dann ging er zu Özkan rüber.

Die Nachtschicht ging noch bis acht Uhr und das war unendlich lang. Zum Schlafen war es zu kalt in der Halle. Am Boden, auf den dünnen Bodenbelägen zog es. Irgendein Hallentor stand immer offen und der Beton strahlte auch bloß Kälte nach oben ab. Glücklich war, an dessen Messestand Sitzgelegenheiten, Sessel, Sofas für Besucher eingerichtet waren. Felix und Özkan hatten kein Glück. Ihre Stände waren zwar groß aber praktisch und nüchtern: Ausstellungstische, Videobildschirme, Bohrmaschinen, Kettensägen, aber keine Schlafgelegenheit. Immerhin W-Lan: Felix setzte sich zu Özkan, der zog die Kopfhörer aus dem Smartphone und sie schauten zusammen die letzte halbe Stunde von „Transformers 3“.

„Wann ist Prüfung?“ Sie liefen durch die Halle, um sich aufzuwärmen. Es war vier Uhr morgens. Ab jetzt würde keine Security mehr kommen, um sie zu kontrollieren. Die schliefen selber in ihrem beheizten Aufenthaltsraum.

„Dienstag.“ Felix seufzte, „Dienstag ist Prüfung.“

„Und?“

„Was? Und?“

„Ja, bist Du vorbereitet?“

„Jaja.“

„Gut.“

„Müsstest Du nicht auch lernen?“

Özkan grinste: „Müsste schon. Aber ich habe noch zu viel Zeit. Ich brauche Zeitdruck, um effektiv zu sein, dann bin ich gut. Adrenalin verstehst du?“ Er studierte Medizin. Sie gingen durch die Halle. Özkan zeigte auf einen Gabelstapler. Der Schlüssel steckte. Ohne weiter darüber zu reden, quetschten sie sich nebeneinander auf den Sitz. Özkan drehte den Schlüssel und steuerte den Gabelstapler zwischen den Ständen hindurch. Sie fuhren Runde um Runde durch das Labyrinth der Stände, der schmalen Gassen, der Getränkeautomate, der Kaffeelounges, der Videobildschirme, der Verkaufsstände und der Rednerpulte. Özkan fuhr immer sicherer, schnitt die Kurven schärfer, beschleunigte, rasierte mit den Gabeln mehrfach knapp an Kunstwänden oder Barhockern vorbei.

„Weisst Du,“ sagte Felix irgendwann, „wenn ich könnte, würde ich Dienstag einfach nicht hingehen.“

„Wohin würdest Du denn gehen?“

„Egal. Irgendwohin.“

„Ich würde in die Mongolei. Eine Reise auf der alten Seidenstraße. Samarkand, Ulan-Bator, solche Orte.“

„Zu Fuß?“

„Quatsch. Mit dem Motorrad.“

„Kannst Du fahren?“

„Sicher. Ich habe bloß keinen Führerschein. Dafür hat’s nicht gereicht. Du weisst ja, wieviel so eine Nacht einbringt.“ Sie schwiegen wieder.

„Wir könnten ja mit dem Gabelstapler losfahren.“ Felix kletterte bei voller Fahrt vom Sitz nach hinten und von da aus aufs Dach.

„Schau mal.“ Özkan hielt an. „Was hältst Du von einem kleinen Champagner zu Feierabend?“ Fragte Felix, als er gesehen hatte warum sie hielten.

Auf einer Schrankwand standen mehrere Flaschen in goldener Alufolie.

„Fahr mich mal hoch.“ Felix kletterte vom Dach nach vorne auf die Gabel.

„Genau das ist das Dümmste, was man mit einem Gabelstapler machen kann.“„Mach schon. Fahr mich hoch.“

Sie fuhren weiter durchs Labyrinth der Messestände. Nebeneinander auf den Sitz gequetscht, beide mit einer Flasche Champagner in der Hand. Irgendwann geschah es dann doch: Özkan rutschte mit der Hand vom Lenker ab und setzte den Gabelstapler direkt vor die Rückwand eines Standes. Er bremste scharf, aber die Gabeln hatten die Wand aus Pressspan schon durchstossen.

„Wolltest Du einparken?“ Felix ging um Gabelstapler und Messestand herum. Tatsächlich war nichts weiter geschehen: der Gabelstapler stand mit der Schnauze bis auf Millimeter vor der Rückwand und die Gabeln gingen zwar durch die Wand, verschwanden aber auf der anderen Seite im Boden des Messestandes.

„Dann — lassen wir das mal so stehen,“ Özkan zog sich vom Sitz.

„Wieviel Uhr ist es eigentlich?“

„Gleich sieben.“

„Lass mal abhauen.“

„Nee, dann wissen die, dass wir das waren. Wir müssen ganz offiziell Feierabend machen.“

Bis acht Uhr, bis die Messeleute kamen und ihr Wachdienst beendet war, legten sie sich auf die dünnen Teppiche.

In der Morgensonne trotteten sie zum Bus.

„Kannst Du mich morgen abfragen? In Geschichte?“

„Klar.“

„Und ich hab auch ein paar Fragen wegen Uni und Studium und so.“

„Machen wir alles später. Haben ja Zeit, heute Nacht.“

Im Bus schliefen sie ein.

***

Autor:

Leon Ospald studierte an der Universität der Künste. Er schreibt über soziale Konflikte, Armut und Ungerechtigkeiten in der deutschen Gesellschaft. Seine Theaterstücke werden bei Henschel — Schauspiel veröffentlicht. 2020 wurde er mit dem Stückepreis des Else — Lasker Schüler Dramatikerinnenpreises ausgezeichnet.


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