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Appell russischer Anarchist:innen an westliche anarchistische Initiativen: Hört auf eure ukrainischen Genoss:innen!

Антиджоб17/07/26 10:1220

Dieser Text ist eine gemeinsame Erklärung russischsprachiger anarchistischer Kollektive (siehe Liste der Unterzeichner: innen unten). Sie hätte schon früher erscheinen sollen, aber auch jetzt sehen wir die Notwendigkeit einer gemeinsamen Erklärung zum Krieg in der Ukraine. Wir erheben nicht den Anspruch, die Position aller Anarchist: innen aus Russland zu vertreten, aber die Notwendigkeit einer klaren Position und die Widersprüche im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine machen es erforderlich, als geeinte Bewegung aufzutreten.

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Während der elf Jahre des Kriegs und insbesondere in den letzten drei haben wir unterschiedliche Reaktionen auf den Kampf der ukrainischen Gesellschaft gegen die russische Aggression beobachten können. Genoss: innen aus der anarchistischen Bewegung in der Ukraine schlossen sich der Selbstverteidigung an der Front und im Hinterland an. Russische Propaganda, mangelnde Informiertheit über die Geschehnisse, Dogmatismus und durch den Krieg hervorgerufene Widersprüche haben in allen politischen Bewegungen derweil zu Meinungsverschiedenheiten geführt.

Auch die anarchistische Bewegung hat sich in zwei Lager gespalten: ein unterstützendes und ein verurteilendes. Während der Kriegsjahre stießen die von den «Solidarity Collectives» und anderen antiautoritären Initiativen organisierten Veranstaltungen zur Unterstützung der Ukrainer: nnen auf große Probleme. Auftritte auf verschiedenen europäischen anarchistischen Plattformen, sowohl von Genoss: innen aus der Ukraine als auch aus Belarus sind angegriffen und sabotiert worden.

Es ist wichtig anzumerken, dass es während der Kriegsjahre nie zu einer konstruktiven Diskussion auf Bewegungsebene gekommen ist, um koordinierte und einheitliche Positionen und Aktionen zu entwickeln. Dies führte zu einem Mangel an praktischer Solidarität und einer oberflächlichen Analyse. Und es führt dazu, dass Leute den ukrainischen Anarchist: innen zu diktieren versuchen, was zu tun ist, obwohl sie die praktische Realität dieses Kriegs oft gar nicht kennen. Dieser Umstand hat einen Mangel an Verständnis und einer solidarischen Praxis innerhalb der Bewegung offenbart. Neben dem Stören von Veranstaltungen verschärfte sich das Problem bis hin zu absichtlichem Gelächter während einer Schweigeminute zum Gedenken an gefallene Genoss: innen. Solche Fälle unterstreichen, dass wir nicht immer zu wissen scheinen, wer unser Feind ist. Gerade dem Staat kommt unsere Uneinigkeit, unsere mangelnde Achtung vor gefallenen Genoss: innen und unsere Feindseligkeit gegeneinander zugute. Unterschiede in Taktik und Ansichten sind für eine revolutionäre Bewegung unvermeidlich, aber wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Feind: innen sie ausnutzen.

Der Informationskrieg prägt den Diskurs und verändert das Denken. Es ist schwierig, ihm entgegenzuwirken, weil er nicht offensichtlich ist. Er wirkt nicht so grob, fügt sich zuweilen geschickt in bereits bestehende Positionen ein und bestätigt diese, anstatt eine Anpassung der Analyse an die sich verändernde Realität zuzulassen. Dabei verfolgt der Informationskrieg dieselben Ziele wie die Kampfhandlungen. Man vergisst leicht, dass auch das Informationsfeld ein Kriegsschauplatz ist. Aber wie bei den Kampfhandlungen muss man auch hier auf der Grundlage von Ideologie und Prinzipien Stellung beziehen.

Die Komplexität der Situation, in der sich die ukrainischen Genoss: innen befinden, die Reaktion von Kollektiven aus anderen Ländern auf ihre Handlungen illustrieren die Probleme in der anarchistischen Bewegung. Auch der Krieg in der Ukraine selbst ist ein weiterer alarmierender Weckruf — er signalisiert, was uns in Zukunft erwartet. Bereits jetzt ist eine Stärkung der Rechten in Europa zu beobachten — sowohl in der Politik als auch in der allgemeinen gesellschaftlichen Stimmung. Angesichts dessen möchten wir unsere Genoss: innen aus den westlichen Ländern auffordern, auf die Meinungen derer zu hören, die bereits mit der hässlichen und grausamen Realität von Krieg und Diktatur konfrontiert sind: Die staatlichen Systeme bewegen sich genau in diese Richtung, und eines Tages könnt ihr in einem Land mit einem faschistischen Regime und Bomben über euren Köpfen aufwachen.

Russland — eine Hochburg von Autoritarismus und Faschismus

In seiner gegenwärtigen ideologischen Agenda nutzt der russische Staat Ereignisse der Vergangenheit, um sich als antifaschistische Kraft zu präsentieren. Aber wie vor knapp einem Jahrhundert schon bleibt Russland auch heute ein Imperium. Das Umschreiben der Geschichte, die Lügen und Begriffsverwirrungen folgen dem Kurs eines Grossmacht-Patriotismus, der in der russischen Gesellschaft seit der Zarenzeit gepflegt und anerzogen wird. Diese ideologische Beeinflussung der Bevölkerung ist notwendig, um die Macht zu festigen, die Eliten und Klassen des Landes zu vereinen und die Wirtschaft auf Krieg umzustellen.

Die rechtsextremen Bewegungen haben sich ihrerseits gut in die neue Phase des russischen Autoritarismus eingefügt. Der Krieg hat den russischen Ultrarechten freie Hand gelassen und ihnen die Möglichkeit gegeben, in ihrer Agenda extremer Gewalt mit dem Staat zu verschmelzen. Viele bekannte Kriegsteilnehmer auf russischer Seite, insbesondere Militärpropagandisten, stehen in Verbindung mit lokalen faschistischen oder neonazistischen Gruppen. Unter der Schirmherrschaft des Vorsitzenden des Untersuchungsausschusses Bastrykin ist in Russland die rechtsextreme Gruppe «Russische Gemeinschaft» (Русская община) aktiv. Seit Kriegsbeginn nehmen die Meldungen über rechtsextreme Gewalt zu, und Gruppen und Blogger, die den Krieg unterstützen, erhalten grünes Licht für alle Äußerungen und Handlungen, die der Politik des Kremls nicht im Wege stehen.

Putins Russland unterstützt aktiv ultrarechte und konservative Bewegungen in ganz Europa — vom Rassemblement National in Frankreich bis zur AfD in Deutschland. Sie revanchieren sich beim Kreml, indem sie etwa ein Ende der Sanktionen gegen Russland fordern oder die Einstellung der militärischen Hilfe für die Ukraine. Westliche anarchistische Kollektive sollten dies im Hinterkopf haben, wenn sie ihre eigene Position zu Waffenlieferungen an die Ukraine formulieren. Die Behauptung des russischen Regimes, den Faschismus in der Ukraine zu bekämpfen ist heuchlerisch und ein Versuch, eine militärische Aggression, die durch kapitalistische und imperiale Interessen motiviert ist zu rechtfertigen. Wir streiten nicht ab, dass auch in der Ukraine — wie in vielen Ländern — rechtsextreme Gruppierungen aktiv sind, man sollte aber nicht vergessen, dass Russlands koloniale Politik zu deren Entwicklung beigetragen hat.

Nicht einfach eine kapitalistische und imperiale Konfrontation zweier Blöcke

Dieser Krieg ist eine imperiale Aggression vonseiten Russlands und die Bestrafung der Ukraine für ihren Mangel an Loyalität gegenüber Putin. Die Tatsache, dass sie in eine globale Konfrontation verschiedener geopolitischer Kräfte eingebunden ist, ändert daran nichts. Der Imperialismus westlicher Länder mindert oder rechtfertigt in keiner Weise den Imperialismus Russlands, das ukrainische Städte angreift. Darüber hinaus muss dieser Krieg im globalen Kontext dessen verstanden werden, was die revolutionäre Bewegung der Zapatist: innen als «Vierten Weltkrieg» bezeichnet. Die Folgen von Neoliberalismus und Faschismus verschärfen sich. Die Zerstörung von Menschenwürde und Umwelt findet im großen Maßstab statt. Das ist die Realität — und die Herausforderung, der sich die anarchistische Bewegung und alle Freiheitsbewegungen stellen müssen. Der Krieg in der Ukraine zeigt, wie wichtig Selbstverteidigung gegen den Staat ist. Das ist Teil jenes Kriegs, der schon längst auch an eure Türen klopft. Die Genoss: innen in der Ukraine können in diesem Krieg die besten Verbündeten sein, da sie diesen schrecklichen Schlag bereits erlitten haben und über einzigartige Erfahrungen im Überleben und im Widerstand verfügen. Wenn die Genoss: innen in Europa wirklich gegen diesen und weitere Kriege Widerstand leisten wollen, sollten sie Kontakte knüpfen und Erfahrungen austauschen, um zu verstehen, wie sie sich in ihren Ländern und Gesellschaften organisieren können.

Viele geopolitische Kräfte haben sich in den Krieg in der Ukraine eingeklinkt und jede davon verfolgt eigene Interessen. Daran ist nichts neu, es wird auch in zukünftigen Kriegen der Fall sein. Wo ist in dieser Gemengelage die Position der anarchistischen Bewegung? Einfach «gegen Krieg» zu sein reicht nicht aus. Unsere Bewegung muss auf Seiten der Gesellschaft sein. In Russland und der Ukraine wird das in der Praxis Unterschiedliches bedeuten. In der Ukraine stimmen die Interessen der Gesellschaft und der anarchistischen Bewegung — die Notwendigkeit des Überlebens und der Selbstverteidigung — in der aktuellen Situation auf taktischer Ebene teilweise mit jenen des Staates überein. In Russland ist die Situation anders: Das Interesse des Aggressorregimes steht jenem der Gesellschaft entgegen, daher sind auf den ersten Blick möglicherweise keine Widersprüche bei der Führung des Kampfes innerhalb des Imperiums erkennbar. Die anarchistische Bewegung in Russland stösst jedoch auf Probleme bei der Interaktion mit einer der Propaganda ausgesetzten Gesellschaft. Tatsächlich gibt es zwischen den Interessen der Gesellschaften Russlands und der Ukraine keinen Widerspruch, nur der Staat steht jeglicher Interaktion im Weg.

Vor diesem Hintergrund sind ein starker ideologischer Kern und eine strategische Linie wichtig, die es ermöglichen, die langfristige Perspektive des revolutionären Kampfes während und nach dem Krieg aufrechtzuerhalten. Schon jetzt könnten europäische Bewegungen und Kollektive in einen Dialog mit Genoss: innen in der Ukraine treten und den gemeinsamen Widerstand und Kampf nach dem Krieg diskutieren, wenn die Innenpolitik des ukrainischen Staates Gegenstand eines ernsthaften sozialen Konflikts sein wird. Gegenwärtig existiert weder eine solche strategische Linie noch eine starke Bewegung, daher besteht auch keine langfristige Perspektive, die es den Genoss: innen in Europa ermöglichen würde, über die laufenden Widersprüche und Kompromisse hinauszusehen.

Womöglich ist vielen der Begriff «russische Welt» geläufig. Nach der Lesart des russischen Regimes handelt es sich dabei um eine Sphäre, in der Russland politischen, wirtschaftlichen, militärischen oder ideologischen Einfluss ausübt. Mit anderen Worten: Es ist gewöhnlicher Imperialismus. Doch in der globalen anarchistischen Bewegung gibt es immer noch Leute, die mit «Russland als Idee» sympathisieren. Das führt manchmal dazu, dass Genoss: innen, die versuchen, sich gegen den westlichen Imperialismus zu positionieren, das Problem der «russischen Welt» sowie dem Block von Staaten übersehen, die historisch im Bündnis mit Russland gegen den Westen stehen: Belarus, China, Iran, Nordkorea usw.

Die «russische Welt» ist nicht die Lösung des Problems eines westlichen Imperialismus. Man sollte die ganze Nostalgie für den ehemaligen «sozialistischen» Staat hinter sich lassen. Das heutige Russland ist eine mutierte Version des rechten Neoliberalismus. Diese ist viel aggressiver als die europäische und wird im Falle eines Siegs nicht mit der Freiheit von Vereinigungen, Versammlungen und Medien liebäugeln. Man muss den ukrainischen Staat nicht lieben, um sich gegen das russische Regime zu wehren. Unsere ukrainischen Genoss: innen, von denen viele in Russland waren — ebenso wie belarusische und russische Genoss: innen, die noch vor 2022 wegen der Repressionen in die Ukraine gezogen sind –, wissen, wie eine Niederlage der Ukraine enden würde.

Die Methoden und Ziele sind miteinander verbunden, und die Ziele heiligen nicht die Mittel. Eines der Hauptziele der anarchistischen Bewegung ist der Widerstand gegen den Staat — und zwar nicht nur auf ideologischer, sondern auch auf ganz praktischer Ebene. In taktischer Hinsicht kann dies bedeuten, sich dem Erstarken des autoritären Staatsmodells zu widersetzen, für das Russland ein Beispiel ist.

Kritischer Zugang zu Quellen

Das anarchistische Milieu ist in keinem Land, keiner Region homogen. Überall findet man mindestens eine, wenn auch noch so marginalisierte Gruppe, die die gewünschte Position vertritt. Oft sehen wir genau das: Europäische Genoss: innen stoßen auf eine russische oder ukrainische Gruppe mit der Position «Alle Kriegsparteien sind schlecht, man sollte also nichts unternehmen» und übernehmen diese.

Tatsächlich gibt es in der Ukraine ein Kollektiv, das sich vor allem mit der Kritik am ukrainischen Staat befasst: «Assembly» aus Charkiw. In Russland wiederum nimmt KRAS-MAT (Konföderation Revolutionärer Anarchosyndikalist: innen — Internationale Arbeiter: innen-Assoziation) diese Position ein. Sie bombardieren ausländische anarchosyndikalistische Organisationen mit Statements, die es diesen über die Logik des «beide Seiten sind schlecht» erlauben, sich nicht tiefer mit dem Krieg auseinandersetzen zu müssen.

Wir denken, dass man den Erklärungen von KRAS-MAT mit grosser Vorsicht begegnen sollte. Aus Gewohnheit ist sie in vielen internationalen Mailinglisten und Föderationen verblieben, tatsächlich handelt es sich aber um eine kleine Gruppe, die nicht die Position der Mehrheit der russischen Anarchist: innen widerspiegelt. Soweit uns bekannt ist, spiegelt auch das Assembly-Projekt nicht die Position der Mehrheit der ukrainischen Anarchist: innen wider.

Wir versuchen nicht, die oben genannten Gruppen als das absolut Böse darzustellen. Sie mögen nützliche Projekte und Erfolge in der Vergangenheit oder in anderen, nicht mit dem Krieg zusammenhängenden Bereichen vorweisen können. Doch ihre «antimilitaristische» Haltung zum Krieg in der Ukraine erscheint uns zutiefst falsch, und sie ist sicherlich nicht die vorherrschende Haltung unter russischen und ukrainischen Anarchist: innen. Aber schauen wir uns diesen «Antimilitarismus» einmal genauer an.

Passiver Antimilitarismus ist nicht die Lösung des Problems, sondern Teil davon

Die Kritik an die Adresse unserer ukrainischer Genoss: innen geht meist von einem dogmatischen Antimilitarismus aus. Dieses Dogma lautet, man könne Kriege nur durch die Solidarität der arbeitenden Klassen aller Seiten beenden. Letztendlich führt es zu ideologischem Puritanismus — Genoss: innen sind nicht mehr in der Lage, sich mit den Widersprüchen von Kriegen zu konfrontieren (etwa der Kooperation mit nationalen Armeen), sie berücksichtigen nicht die geopolitischen Besonderheiten unterschiedlicher Kontexte und können den praktischen Kampf nicht mehr fortsetzen, weil ihre Ideale nicht mit der hässlichen Realität vereinbar sind.

Die Mantra über die Beendigung des Kriegs stellt die Konfliktparteien auf eine Stufe, wie Schulrowdys, die man einfach miteinander versöhnen muss. Aber in diesem Krieg sind die Konfliktparteien grundsätzlich nicht gleichberechtigt, und ein «Expressfrieden» bedeutet einen Sieg Russlands, die Besetzung eines Teils der Ukraine und eine weitere Stärkung des Putinregimes.

Der Widerstand gegen die russische Aggression hat zum Konflikt mit den Dogmen unserer Bewegung geführt und einer Neubewertung dessen, was früher undenkbar schien. Im Fall des Kriegs stimmen die Interessen des ukrainischen Staats und ukrainischer Anarchist: innen teilweise überein. Für uns ist es offensichtlich, warum die Genoss: innen es vorziehen, in den Reihen der ukrainischen Armee zu kämpfen und Zugang zu Waffen und Ressourcen zu erhalten. Für uns ist ebenfalls klar, warum sie nicht versucht haben, eine Machnowschtschina mit drei Gewehren pro Trupp wiederzubeleben, um tapfer «gegen alle» zu kämpfen und dann innerhalb einer Woche vernichtet zu werden. Dabei bleibt das Ziel, eine «dritte Kraft» zu werden strategisch richtig. Unter den Bedingungen, unter denen der Krieg die ukrainische anarchistische Bewegung überrascht hat, ist jedoch direktes und wirksames Handeln gegen die Ausbreitung des autoritären Regimes eine gerechtfertigte anarchistische Reaktion. Die Handlungen der anarchistischen Gemeinschaften aus Belarus, der Ukraine und Russland — Strassenproteste, die Sabotage der Infrastruktur in Russland, der Beitritt zur ukrainischen Armee, die Organisation gegenseitiger Hilfe sowie Freiwilligenarbeit, Hilfe für Geflüchtete und vieles mehr — müssen als gemeinsamer Widerstand gegen die Invasion betrachtet werden, umgesetzt trotz Grenzen, unterschiedlicher Ansätze, Taktiken und Widersprüche.

Aus diesem Grund beunruhigt uns der Trend unter westlichen Anarchist: innen, die Hilfe für die Ukraine zu kritisieren. Uns überrascht nicht, dass der lokale Kampf näher und verständlicher ist. Für griechische Anarchist: innen gehört der Widerstand gegen die koloniale Politik der USA und die Militärstützpunkte der Nato zu den wichtigsten Anliegen. Klar ist, dass die Nato in keinster Weise besser ist als Russland. Allerdings dient in diesem konkreten Fall die Unterstützung des ukrainischen Widerstands nicht nur den westlichen und ukrainischen Eliten, sondern auch den anarchistischen Bewegungen in Russland, Belarus, der Ukraine und anderen mit Russland benachbarten Ländern, auf die es seinen Einfluss und die Bedrohung erstreckt. Umso mehr, als die anarchistische Bewegung schon einmal in dieser Weltgegend von der Sowjetunion zerstört wurde, was auf jeden Fall erneut geschehen wird, wenn Russland seinen Einfluss in der Region dank des Kriegs behalten kann. Das gleiche wird mit allen Ländern geschehen, die unter den Einfluss Russlands geraten werden.

Gegen den Boykott ukrainischer und belarusischer Anarchist: innen

Eine Reihe anarchistischer Initiativen haben sich entschieden, ukrainische und belarusische Anarchist: innen von ihren Webseiten und Veranstaltungen auszuschliessen. Im Speziellen hat sich die anarchistische Buchmesse auf dem Balkan die Teilnahme der ukrainischen Solidarity Collectives abgelehnt. Sie begründete diesen Schritt folgendermaßen:

«Wir waren äußerst besorgt darüber, dass ein solcher Vorschlag unterbreitet wurde, während der ukrainische Staat Menschen direkt von der Straße weg verschleppt und sie gewaltsam in den Krieg schickt.»

Dabei haben ukrainische Anarchist: innen selbstverständlich nie dazu aufgerufen, Menschen zu entführen, um sie an die Front zu schicken. Folglich entspricht eine solche Begründung für einen Ausschluss nicht der Realität. Auch das anarchistische Indymedia in Athen weigerte sich, Beiträge der ukrainischen Solidarity Collectives zu veröffentlichen, und begründete dies wie folgt:

«Das ist ein Aufruf, sich im Krieg auf eine Seite zu stellen — auf die Seite einer Nation, die derzeit die Frontlinie der Nato im Krieg zwischen dem Westen und Russland bildet. Das hat nichts mit den politischen Ansichten von Indymedia in Athen zu tun, das von Natur aus antimilitaristisch und antiimperialistisch ist.»

Gleichzeitig ist das Athener Indymedia voll von Materialien gegen die israelische Invasion in Palästina, wo ebenfalls die Frontlinie des Kriegs zwischen der Nato und dem Iran und seinen Verbündeten verläuft, zudem findet der Widerstand gegen den Imperialismus bei weitem nicht immer ohne Gewalt und von Staaten bereitgestellte Waffen statt. Der Antimilitarismus von Indymedia in Athen ist also weder konsequent noch logisch. Auch die anarchistische Buchmesse in Berlin lehnte 2024 und 2025 die Teilnahme belarusischer Anarchist: innen ab.

Das Hauptproblem liegt entsprechend nicht in den Positionen anarchistischer Buchmessen auf dem Balkan und in Berlin oder von Indymedia in Athen. Die anarchistische Bewegung muss offen für Diskussionen sein, und nicht alle müssen mit derselben Imperialismusdefinition oder bestimmten Methoden des Antimilitarismus einverstanden sein. Das Problem liegt im Bestreben, Anarchist: innen bestimmter Regionen komplett auszuschliessen, die imperialistischer Aggression und Versuchen faschistischer gewaltsamer Assimilation und vollständiger Vernichtung der nationalen Identität ausgesetzt sind. So wie Putin behauptet, dass Belarus: innen und Ukrainer: innen nicht existieren, schliessen Buchmessen auf dem Balkan und in Berlin und Indymedia in Athen diese Genoss: innen durch ihr Unverständnis für andere Standpunkte, die mangelnde Bereitschaft, den Kontext zu verstehen, und die Unfähigkeit, die Widersprüche zu akzeptieren, mit denen sie konfrontiert sind, aus der anarchistischen Bewegung aus.

Vorschläge an unsere Genoss: innen

  • Geht mit erhaltenen Informationen umsichtig um. Informiert euch über die Meinungen aller verfügbaren Gruppen, insbesondere jener, die tatsächlich an lokalen Initiativen beteiligt sind, auf internationaler Ebene aber möglicherweise weniger sichtbar bleiben.
  • Bittet bei Statements über die Ukraine eure Genoss: innen vor Ort um Feedback, um euer Verständnis der Situation zu klären und zu aktualisieren.
  • Wir rufen alle Genoss: innen auf, sich auf die anarchistische Ethik zu besinnen: Wichtig ist Vereinigung statt Spaltung, Solidarität statt Feindschaft. Diese These mag offensichtlich erscheinen, doch in Momenten, in denen wir mit Widersprüchen konfrontiert sind, vergessen wir oft, wie wir unseren Kamerad: innen begegnen sollten: als Mitstreiter: innen im Kampf.
  • Tretet Versuchen, belarusische und ukrainische Anarchist: innen aus der anarchistischen Bewegung auszuschliessen offensiv entgegen.
  • Zieht Lehren aus den Kriegen in der Ukraine, in Syrien und anderen Ländern, um in euren lokalen Kontexten Bedingungen für die Entstehung einer revolutionären «dritten Kraft» zur Selbstverteidigung der Gesellschaft im Kriegsfall auf allen Ebenen zu schaffen.

 

Um das Statement zu unterschreiben, aber auch bei allen anderen Fragen meldet euch unter anarchiststatement@riseup.net.

Liste der unterzeichnenden Kollektive und Einzelpersonen (Stand 28. November 2025): (die aktualisierte Liste findet sich hier)

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